"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Politik und Hormone" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 14.05.2005

Wien (OTS) - Ein Bundespräsident, zerrissen zwischen der mit ihm alt gewordenen Ehefrau und seiner neuen Liebe; ein auch in Vorarlberg bekannter Wiener Baumeister, dem seine nunmehr vierte Ehefrau einen Strauß Rosen dermaßen ins Gesicht drischt, dass die Polizei gegen sie ein Betretungsverbot der bislang gemeinsam bewohnten Villa ausspricht; der österreichische Finanzminister auf der Insel Capri in zärtlicher Verstrickung mit einer prominenten Vertreterin des internationalen Jet-Set.
Drei zutiefst menschliche Schicksale, die eines gemeinsam haben: Sie werden in den Medien breit getreten. Bei vielen, die - Hand aufs Herz! - die Fotos und die Berichte gierig verfolgen, mischen sich unterschwelliger Neid mit Häme und mit Betroffenheit ob des aufdringlichen Eindringens in die Intimsphäre. Jedenfalls drängt sich die Frage auf: Müssen Prominente wirklich alle Schlafzimmergeheimnisse mit der Öffentlichkeit teilen?
Sie müssen nicht. Wenn sie allerdings so wie einst Bundespräsident Thomas Klestil die Medien mit gezielten Indiskretionen auf ihre Seite zu ziehen versuchen; wenn sie wie Baumeister Richard "Mörtel" Lugner und seine angetraute "Mausi" freiwillig ein öffentliches Leben führen, weil das nach eigenen Worten "die beste (und billigste) Werbung für ihr Einkaufszentrum" ist; und wenn sie wie Finanzminister Karl-Heinz Grasser Fotografen zum Versöhnungskuss mit der (inzwischen verflossenen) Verlobten bestellen, dann können sie die Tür zur Privatsphäre nicht mehr nach Belieben aufstoßen und zuknallen.
Wir sind in Österreich zum Glück noch nicht so weit wie England, Italien oder die USA. Dort geben Politiker und Spitzenmanager automatisch jedwedes Privatleben auf, sobald sie Karriere machen und zu einer Person des öffentlichen Interesses werden. Hierzulande dürfen Präsidenten und Minister, Generaldirektoren und Schauspieler auf Diskretion zählen, wenn das berufliche Engagement nicht unter dem Privatleben leidet und wenn sie beides konsequent trennen.
Ein Finanzminister allerdings, der die Karriere vorrangig seiner Popularität verdankt, wirkt unglaubwürdig, wenn er plötzlich wehleidig sein Recht auf Privatsphäre einfordert. Bei der Kletterei auf dem Stephansturm, bei der halb-öffentlichen Verlobung oder beim Maledivenurlaub mit ebendieser Verlobten waren auflagenstarke Medien stets willkommen. Das tat, so meinte der Minister offenbar, der Popularität und damit der Karriere gut.
Jetzt fürchtet Grasser um seine Glaubwürdigkeit und stellt sich als "kleinen Politiker" dar, der das Aufsehen nicht wert ist, das um ihn gemacht wird. Diese Erkenntnis kommt reichlich spät.Als es um die Finanzierung seiner Homepage und um ein kostenloses "Upgrade" von der billigen Touristen- in die teure Business Class beim Malediven-Urlaub ging, fühlte sich Grasser keineswegs zu unbedeutend, um derlei Benefizien in Anspruch zu nehmen.
Hier liegt der Hund begraben, und nicht bei überschießenden Hormonen. Wir würden den Säckelwart gerne loben, weil er der Finanz ein neues Gesicht und einen zeitgemäßen Auftritt verschafft hat. Wir könnten ihm sogar verzeihen, dass er uns mit der Anpreisung des Nulldefizits und der Mär vom sanierten Budget an der Nase herumgeführt hat -solche Fehleinschätzungen sind anderen Ministern auch schon passiert. Zu einem öffentlichen Amt gehört allerdings auch politisches Gspür und vorbildliches Verhalten. Beides hat Grasser in maßloser Selbstüberschätzung so oft vermissen lassen, dass man ihm die Läuterung zur bescheidenen Privatperson einfach nicht glaubt. Eher liegt die Vermutung nahe, dass der Minister einmal mehr mit der Öffentlichkeit ein Spiel treibt, sich als toller Bursch präsentiert und bei alldem doch nur den persönlichen Vorteil im Sinn hat.
Das wäre allerdings entweder unglaublich naiv oder beispiellos überheblich. Beides schadet der Glaubwürdigkeit, und die ist das höchste Gut eines Politikers, vor allem jedes Finanzministers. Allein deshalb verdient das Verhalten Grassers zwar keine Häme, doch öffentliche und politische Beachtung.

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