"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Die Republik feiert" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 14. Mai 2005

Innsbruck (OTS) - Gedenktage, die manchen als eine mühsame Übung erscheinen, haben doch ihr Gutes. Sie holen die Grundlagen des gemeinsamen Staatswesens ins Bewusstsein, selbst wenn sich Historiker und Juristen über einzelne ihrer Bewertungen nicht einig sind. Der Staatsvertrag, der nun wahrscheinlich letztmalig groß gefeiert wird, ist jedenfalls Geschichte. Und ist eine nach wie vor geniale Antwort auf die Umstände seiner Zeit, damit ein Gründungsdokument der Zweiten Republik, die sich an ihm aufrichtete und ihre Identität fand.

Die Katastrophen des vorigen Jahrhunderts zu verarbeiten, verbraucht Generationen. Österreich, heute eine gefestigte Nation, litt unter einem Mangel an Selbstbewusstsein, Überlebensfähigkeit und an identitätsstiftender Geschichte. So blieben Staatsvertrag und Neutralität, die in der Sache aber nicht in der Form zusammengehören, zentrale Symbole des neuen Österreich. Jetzt sind in jenem Ausmaß Geschichte, in welchem sich das Umfeld, sprich: die Welt, geändert hat. Und das ist gewaltig.

Die globale Konfrontation der Systeme ist erledigt, die Bipolarität abgehakt. Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechte treten, begleitet von abzulehnendem Turbokapitalismus und herben Rückschlägen, ihren Siegszug um die Welt an. Die USA sind in ihrem globalen Machtanspruch kaum zu bändigen, die asiatischen Staaten in ihrer enormen wirtschaftlichen Dynamik. Europa ist gut beraten, seine Energien zu bündeln, um sich als dritter großer Block wirtschaftlicher Kraft zu behaupten.

Solcherart betrachtet war es geradezu historisch richtig, dass Österreich vor zehn Jahren der Europäischen Union beigetreten ist. Bei aller möglichen Kritik an den Regeln und Tätigkeiten der EU, zur Mitgliedschaft gibt es keine sinnvolle Alternative. Gleiches gilt wohl für die EU-Verfassung, die derzeit ihrer Gültigkeit entgegenstolpert.

Mit den Festlichkeiten zu den Jubiläen des Kriegsendes, des Staatsvertrages und des EU-Beitritts hat man zu fragen, was denn in seinem tieferen Sinn eigentlich gefeiert wird. Geschichte ist ja immer brachial instrumentalisiert worden. Und für Christen etwa, so meint Rudolf Burger, bedeute Geschichte vor allem Gottes Werk als Bestrafungs- und Heilsgeschehen. Wie auch immer: Die Geschichte von morgen ist das, was wir heute tun oder eben unterlassen. Das, aber kaum mehr, ist dazu sagen. Diese Gewissheit kann man feiern, aber sie ist vor allem zu leben.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
Chefredaktion
Tel.: 05 04 03 DW 601

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0002