"Kleine Zeitung" Kommentar: "Karl-Heinz Grasser und die Boulevardisierung des Amtes" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 13.05.2005

Graz (OTS) - Das mediale Ungemach, das dem Finanzminister im Zusammenhang mit seinem turbulenten Liebesleben widerfährt, wirft Fragen auf über das Öffentliche und das Private in der Politik. Die Grenze ist - offen sichtbar - verschoben worden und zu klären wäre von wem.

Wir Medien können da nicht weghören. Paparazzi - Waidmänner, die von der Grenzverletzung leben - haben die Fotos in Umlauf gebracht. Nur:
Diese Typen gäbe es nicht, wenn es den Markt nicht gäbe, und den Markt gäbe es nicht, wenn es die Schaulust nicht gäbe.

Paparazzi sind wir alle.

Das ist die eine Seite.

Die andere hat schon auch mit dem Opfer der Schaulust zu tun und der Art und Weise, wie es diese Schaulust bedient und daran Gefallen gefunden hat. Wie kaum ein anderer hat Karl-Heinz Grasser sein Politikverständnis aus den Gesetzmäßigkeiten des Marketings und der Populärkultur abgeleitet: Er hat, von Jörg Haider grundgeschult, Politik primär als Darstellungskunst verstanden, als ästhetische Ware, die verkauft werden muss, immer über die eigene Person. Für deren Überhöhung hat er Road-Shows veranstaltet, Kinderfotos ins Internet gestellt oder auf der Spitze des Stephansdoms in die "Krone"-Kamera gelacht.

Das konnte man eine Zeit lang professionell nennen und funktionierte auch, so lange hinter der Inszenierung noch Inhalte standen wie das Nulldefizit. Selbstgefährdend wurde das Spiel, als Grasser, achtlos geworden durch den Erfolg, begann, ungeschriebene Gesetze, zu missachten, was in der Politik geht und was nicht. Dass er sich für seine Ich-Aktie von der Industriellenvereinigung sponsern ließ: ein Beispiel, das schwerwiegendste.

Hinzu kam, dass er mit Vorliebe in das Milieu der Reichen und Schönen eintauchte und sich vom Exhibitionismus, der dort prägend ist, verführen ließ. Das Verblüffende war, dass Grasser dabei so tat, als existierte in diesem Soziotop die öffentliche Beobachtung nicht, als wüsste er nicht um die Mechanismen, die dort zum Geschäft gehören.

All das berührt noch nicht seine Tauglichkeit als Finanzminister, aber die Art, wie er sein Privates handhabte, schmälert Ruf und Seriosität. Er hat das Amt boulevardisiert. Der Mangel an Dezenz, als Verlobter auf Flughäfen oder anderswo, ziemt sich ganz einfach nicht für einen Finanzminister. Vermutlich nennen Leute wie er das spießig.

Grasser wünscht, dass das Privatleben privat bleiben möge. Das ist zu respektieren. Auch wenn er es war, der als Erster die Grenzen verschoben hat, lange vor den Paparazzi. ****

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