"Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar"

Wien (OTS) - Wichtiger Tag für die Schulen: Um Schulgesetze zu ändern, ist künftig keine Zweidrittelmehrheit mehr nötig. Ab jetzt können die Minister und die jeweilige Parlamentsmehrheit Verantwortung für Missstände nicht mehr abschieben. Dass eine unklare Verfassungs-Formulierung noch für viel Ärger sorgen wird, trübt aber die Freude.

Noch mehr tut das der Umstand, dass von der ministeriellen Zukunftskommission bis zur Gesamtschul-fixierten Opposition wenig wirklich gute Vorschläge auf den Tisch gekommen sind, die unseren Kindern eine besser ausgebildete Zukunft - und einen besseren Pisa-Test - ermöglichen würden. Ich habe jedenfalls noch nicht verstanden, was an der lauthals bejubelten Fünftage-Woche die Bildung der Schüler verbessern soll. Und weshalb die jungen Österreicher künftig wieder mit besseren Kenntnissen und Fähigkeiten ins Leben treten sollen, wenn man das Durchfallen weitgehend abschafft. Aber wahrscheinlich liegts an meinen eigenen Bildungsdefiziten . . .

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Erstmals seit drei Jahrzehnten werden in Österreich wieder zweisprachige Ortstafeln aufgestellt. Wenn auch mit Schreibfehlern, wenn auch noch lange nicht so viel, wie der Verfassungsgerichtshof verlangt. Dennoch ist das ein historischer Fortschritt. Denn noch immer ist das Zusammenleben in Kärnten ein sehr fragiles Pflänzchen, wie man auch in den letzten Stunden gesehen hat. Noch immer gibt es ein gewaltiges Pensum an Vernunft und Verständnis aufzubauen. Auf beiden Seiten.

Die Deutschkärntner müssen endlich zu begreifen versuchen, dass es ein demütigendes Trauma ist, wenn Tausenden Österreichern das Recht verweigert wird, den Namen des eigenen Heimatorts in der Muttersprache zu lesen. Dass den österreichischen Slowenen in der NS-Zeit bitteres Unrecht geschehen ist. Dass internationale Verträge einzuhalten sind, wenn man nicht eine Rückkehr des Faustrechts anstrebt.

Aber auch die Kärntner Slowenen und ihre weitab lebenden progressiven Sympathisanten müssen manches zu begreifen versuchen:
Welches Trauma es für die Mehrheitsbevölkerung bedeutet, dass im vorigen Jahrhundert gleich zweimal Truppen aus dem Süden in Kärnten einmarschiert sind, um die Grenzen zu verschieben. Wie destabilisierend es ist, dass immer wieder neue Slowenenexponenten die kompromissbereiten Minderheitenführer zu übertrumpfen versuchen. Wie bösartig es wäre, sollte Jörg Haider Recht haben, dass Pfarrer auch bei Deutschkärntnern die Einsegnung auf Deutsch verweigern.

Erst wenn beide Seiten beide Traumata verstehen, werden die Zündler keine Chance mehr haben. Ein Traum?

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