Die Kulturnation, das Theater und die Wäsche

"Presse"-Leitartikel von Wilhelm Sinkovicz

Wien (OTS) - Unser Kulturleben droht mehr und mehr Teil einer standardisierten europäischen Einheitskunst zu werden.

"Hängt's die Wäsch' weg, die Komödianten kommen", so lautete einst die Volksweisheit. Mittlerweile ist das fahrende Volk längst sesshaft und aller Seitenblicke-Ehren wert. Die heutigen zwielichtigen Wandersleute vom Theater sind nicht die Schauspieler, sondern die Intendanten.
Gehört einer einmal zu dieser Kaste, dann ist er sozusagen von Amts wegen Anarchist, offenbar keinem zivilisierten Codex verpflichtet. Klaus Bachler zeigt, wie es geht: Volksoper, Burgtheater, Münchner Oper, alles eins - früher aussteigen aus dem ersten Vertrag, parallel zum dritten den zweiten munter weitergeführt. Wo wird, fragt sich der Laie, während er die Wäsche abnimmt, der designierte Chef der Münchner Staatsoper den Kopf haben während seiner nächsten Amtsjahre im Burgtheater? Ein Haus wie die "Burg", das führt man wohl mühelos so nebenbei.
Der wohlbestallte Musikchef der Wiener Festwochen, Stéphane Lissner, leitet gleichzeitig das Festival von Aix en Provence und gibt diese, seine Funktionen offenkundig auch nicht auf, wenn er nun so nebenbei auch noch die Mailänder Scala, eines der größten Opernhäuser der Welt, leiten soll.
Jämmerliche Figur machen angesichts dieses Possenspiels die zuständigen Politiker, die von den allenthalben abkassierenden neuen Komödianten vor sich her getrieben werden. Die Hilflosigkeit in den Entscheidungsfindungen ist ablesbar an Frechheiten wie jener Aussage, der zufolge etwa Jürgen Flimm, designierter Salzburger Festspielintendant, sein Engagement nie angenommen hätte, wäre er als Chef der Ruhrtriennale bestätigt worden.
Sie wird noch verschärft durch den gesetzlich verankerten Ausschreibungszwang für Führungspositionen im Kulturbereich, der von Fall zu Fall zu einem Eiertanz führen muss. Denn kein wirklich attraktiver Künstler oder Kunst-Manager wird je eine Bewerbung abgeben. Man stelle sich das Szenarium Ende der Fünfzigerjahre vor:
Karl Böhm hat eben demissioniert, und der zuständige Minister wartet auf eine schriftliche Bewerbung Herbert von Karajans für den Posten des Staatsoperndirektors...
Dieses unproduktive Brimborium übertüncht die kulturpolitische Entscheidungsschwäche, die wiederum auf einem völligen Mangel an Bewusstsein dafür basiert, welche Bedeutung das Kulturleben für dieses Land hat.
Dass Institutionen wie das Burgtheater oder die Salzburger Festspiele einst essenziell zur Identitätsstiftung beigetragen haben, scheint heute völlig vergessen. Womit allerdings auch die Bereitschaft der Bevölkerungsmehrheit sinkt, dieses Kulturleben auf Dauer durchzufinanzieren.
So sägen wir eifrig an dem Ast, auf dem wir sitzen. Dass Österreich jenseits seines althergebrachten, international nach wie vor wirksamen Kultur-Images wenig zur Konstitution eines eigenen, singulären Profils bleibt, könnte sich auf lange Sicht als fatal erweisen.
Die Einbindung in den standardisierten europäischen Kultur-Wanderzirkus kostet nicht nur Festivals wie jene in Wien oder Salzburg, sondern auch Traditionshäuser wie das Burgtheater längst die Unverwechselbarkeit. Irgendwann kann die so genannte Kulturnation dann einpacken; wohl nicht nur die Wäsche.
Ein Blick auf die Wiener Festwochen lehrt, wohin die Ausverkaufspolitik am Ende führt: Der hoch bezahlte Intendant hält sich für alle Sparten noch Bereichsleiter. Musik-Chef Lissner beweist mit seiner Ämterkumulierung, wie gut diese angeblichen Full-Time-Jobs nebenbei zu bewältigen sind.

Er macht sich auf seine Weise unentbehrlich: Für das heurige Festwochen-Musikprogramm etwa kam der Bereichsleiter nicht nur auf die ungemein innovative Idee, Nikolaus Harnoncourt für eine Mozart-Oper zu engagieren. Er erfand auch das Gastspiel einer Produktion, die dem Intendanten Bondy nicht nur als Regisseur, sondern auch als Librettist Zusatz-Verdienstmöglichkeiten beschert. Vielleicht läge hier der Schlüssel zur Lösung aller Kalamitäten. Kann man Luc Bondy auch noch zum Bachler-Nachfolger an der Burg bestellen, Lissner, der laut eigener Aussage mit den Festwochen bis 2007 ja schon à jour ist, zum Holender-Nachfolger in der Staatsoper? Klaus Bachler könnte natürlich per Werkvertrag zu München etwa Mailand und Wien zusätzlich planen. Im Sommer bliebe, sollte Jürgen Flimm resignieren, bestimmt auch noch Zeit für Salzburg - Bachlers deklarierten Traumjob. Die nächsten Burg-Saisonen sind ja wohl längst unter Dach und Fach.

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