"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wer nur glänzend steht, steht bald neben der Realität" (von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 27.04.2005

Graz (OTS) - Wer 60 Jahre Republik Österreich feiert, will feiern und Gutes sagen. Möglichst nur Gutes. Von den Ruinen von 1945 ging es vorwärts zu einem Staat, der sich auf der Weltliste ins erste Dutzend emporgearbeitet hat. Die Österreicher dürfen stolz sein und sie sind es auch.

Erstaunlich ist es wirklich, dass nach dem totalen Zusammenbruch von 1945 der Aufstieg so grandios passieren konnte, im Gegensatz zu den Jahrzehnten nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges.

Ein Teil ist nicht unser Verdienst. Österreich bekam nach 1945 Geld und Anerkennung. Die Modernisierung der Welt, die zögernd im Spätmittelalter begonnen hat, gewann ein Blitztempo. So viel an wissenschaftlicher Erkenntnis und technischer Neuerung mit Wirkung auf Wohlstand und Gesundheit in so kurzer Zeit gab es in keiner Periode zuvor. Die Österreicher schafften es, das Tempo zu halten.

Sie kämpften auch, oft mühsam, aber letztendlich erfolgreich, mit den blutigen Schatten der eigenen Bürgerkriege. Sie vermieden neue. Die Innenpolitik seit 1945 kann mühelos als übles Real-Kabarett erzählt werden, aber sie war gleichzeitig und dies nachhaltig ein Modell des Erfolges. Die "Insel der Seligen", als die uns ein Papst bezeichnete, liegt ein Stück weit in Österreich.

Es ist aber bekannt, dass viele, gerade sensible, schöpferische Menschen in Österreich Staat und Gesellschaft als totale Katastrophe sehen. Auch diese Art der Kritik findet im großen Mosaik der Realität ihre Bausteinchen. Glaubwürdig wären die Totalkritiker freilich nur, wenn es den Menschen möglich wäre, irdische Paradiese zu erzeugen, staatliche und private. Wer daran glaubt, dem kann nicht geholfen werden. Allen anderen schon.

Aber gerade wer mit beiden Beinen mitten in der Realität zu stehen glaubt und dort stolz verharrt, bemerkt oft nicht, dass die Realität, die hinterlistige, die heimtückische, sich bewegt. Wer nur glänzend steht, steht bald neben der Realität.

So wartet die Globalisierung auf uns, es wartet die Frage der älter werdenden Bevölkerung auf uns, es wartet die Bildungsfrage für die nächste Generation auf uns. Das sind drei der ganz großen Herausforderungen. Und keine lässt sich mit einem feierlichen Paukenschlag lösen, sondern nur mit viel Mühe und viel Toleranz und viel Talent. Viele Bedenkjahre lang.

Die letzten 60 Jahre haben gezeigt: Wir können, wenn wir wollen und wenn die Weltwetterlage nicht zu katastrophal ist. Daraus darf Zuversicht wachsen für die nächsten Jahre und Jahrzehnte. ****

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