"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Papst wird Türen öffnen, ohne die Schwelle einzuebnen" (von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 25.04.2005

Graz (OTS) - Wer Papst geworden ist, muss sich nicht darum sorgen, dass sich die Öffentlichkeit um ihn kümmert. Aber er muss sich sorgen, dass seine Worte so gedeutet werden, wie er sie nicht gedeutet haben möchte. Auf einen neuen Papst werden wie bei einer Konfettiparade tausende große und kleine Wünsche geworfen. Aber der neue Papst hat genug Erfahrung und Weisheit,sich nicht von außen stilisieren zu lassen. So wird er sich der Markierung zu entziehen wissen, dass nach Ratzinger 1 (liberaler Konzilstheologe in den 60ern) und Ratzinger 2 (dogmatischer Hüter des Glaubens) nun Ratzinger 3 folgen muss, am besten nach dem Wunschbild jener vielen Bildhauer, die ihn nun zu "ihrem Papst" modellieren möchten.

Die Predigt auf dem Petersplatz war deutlich. Benedikt hält die Linie aus der "Erfahrung eines eigenen langen Lebens". Er ruft der Jugend zu, am Schluss seiner Ansprache, sie sollten die "Türen für Christus aufreißen", "dann findet ihr das wirkliche Leben". Schon 1968 schrieb er in seiner viel gelesenen "Einführung in das Christentum", dass Christus der "ganz über sich hinaus gekommene Mensch und so der wahrhaft zu sich gekommene Mensch" sei. "Die Kirche lebt" und "die Kirche ist jung" ermutigte er in Rom die oft resignierten Gläubigen in Europa. Dafür gab es viel Beifall. Die Kirche lebe, "weil Christus lebt, weil er wirklich auferstanden ist". Eine klare Botschaft.

Der neue Papst sieht sich schon lange als "Mitarbeiter der Wahrheit", das war sein Leitspruch als Erzbischof von München-Freising. Jetzt sieht er sich als Diener in seinem oft als reine Machtposition gesehenen Petrusamt. Das lässt jene hoffen, die mehr Mitsprache wünschen, und jene in den Konfessionen, die sich vom Papst mehr gewürdigt sehen möchten. Aber er weigerte sich, ein "Regierungsprogramm" zu verkünden. Das eigentliche Programm sei, "gemeinsam mit der ganzen Kirche auf Wort und Wille des Herrn zu lauschen un dmich von ihm führen zu lassen". Mehr Gras sollte man gestern nicht wachsen gehört haben.

Im Zweiten Vatikanischen Konzil wird die Kirche neben dem Mysterium auch unter dem Bild des "wandernden Volkes Gottes gesehen". Diesem Papst sind die Probleme der nötigen Identität und der nötigen Veränderung gleichermaßen vertraut.

Es darf vertraut werden, dass er führen wird. Er wird die Türen der Kirche weit öffnen, ohne die Schwelle einzuebnen, die zwischen den Türflügeln läuft. Was das praktisch heißt, damit dürfte uns dieser Papst tatsächlich noch überraschen. ****

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