"Presse"-Kommentar: Das Kirchenschiff und die Sirenen (von Norbert Mayer)

Ausgabe vom 25. April 2005

Wien (OTS) -

Was darf man von Papst Benedikt XVI. erwarten? Das lernt man aus den Schriften Joseph Ratzingers.

Im ersten Kapitel seiner "Einführung in das Christentum", die im Jahr des Umbruchs 1968 veröffentlicht wurde, verwendet der Konzils-Theologe Joseph Ratzinger ein dramatisches Bild, um auf die Situation des Glaubenden in der Moderne zu verweisen. Er zitiert Paul Claudels Welttheater-Stück "Der Seidene Schuh", in dem ein Schiffbrüchiger an einen Balken gebunden ist, der im tosenden Ozean treibt. Der Gefesselte dankt Gott: "Und so bin ich wirklich ans Kreuz geheftet, das Kreuz aber, an dem ich hänge, ist an nichts mehr geheftet. Es treibt auf dem Meere."
Dieses Bild zeigt Ratzingers Grundhaltung. In seiner Rede zu Beginn des Konklave, aus dem der Präfekt der römischen Glaubenskongregation als Benedikt XVI. herausging, hat er es variiert. Er sprach von den Wellen des Widerstreits, den vielen ideologischen Strömungen: "Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wellen umhergeworfen worden, von einem Extrem ins andere . . ."
Ratzinger bedient sich eines Topos aus der Patristik, der Bildwelt der Kirchenväter, die wiederum aus dem Mythos der Griechen schöpften. Odysseus, der Held, ist mit seinem Boot den Gewalten des feindseligen Meeres ausgeliefert. Die Sirenen drohen das Schiff zu verschlingen. Doch Odysseus ist listenreich. Er hat die Ohren seiner Gefährten mit Wachs verklebt, er selbst hingegen lauscht dem verführerischen Gesang, an den Mastbaum gefesselt, um nicht ins Verderben geführt zu werden. Dieser Baum, so liest man in Hugo Rahners "Symbole der Kirche" (1964), ist das Kreuz, die Reise endet für Odysseus/Christus nicht tragisch, sondern harmonisch.
Beim Wiederlesen der anspruchsvollen, das Neue des 2. Vatikanums reflektierenden "Einführung in das Christentum" fällt auf, wie stark der Autor vom Existenzialismus geprägt ist, besonders von Martin Heidegger, dessen Denken auch von einer Kehre definiert ist. In der Theologie ist Ratzinger eher von Augustinus beeinflusst als von Thomas von Aquin, er habilitierte sich über die Geschichtstheologie Bonaventuras. Der strenge Systematiker pflegt einen eleganten Stil. Mit den Kategorien konservativ und progressiv ist Ratzinger schlecht beschrieben, eher mit dem Wort Tradition. Ein Präfekt und gar noch ein Papst wäre schlecht beraten, wenn er diese missachtete. Aus seinen Schriften kann man lesen, dass er vom Gewesenen ausgeht und sich dem Neuen öffnet. Er sieht das Kreuz nicht ohne Ostern, seine vielen Texte - vom Erbauungsbüchlein bis zum intellektuellen Diskurs - besitzen auch subtile Heiterkeit, jenseits von Amt und Dogma. Die äußere Form täuscht: Dieser distanziert wirkende Kirchenfürst hat auch eine bayrisch-barocke Seele.
Was kann man sich von einem solchen Papst erwarten? Er ist nicht weltfremd, das zeigen die Interview-Serien, die er mit dem Journalisten Peter Seewald geführt hat und die in Buchform erschienen sind. In "Salz der Erde" (1998) und "Gott und die Welt" (2000) lässt sich Ratzinger auf Kontroversen ein, er achtet, wie auch die Auseinandersetzung mit dem Philosophen Jürgen Habermas zeigt, die Meinung des anderen, ohne die eigenen Standpunkte preiszugeben. So beharrt er auf der Ablehnung des Priesteramtes für Frauen, in der Frage der Ökumene ist er wahrscheinlich defensiver als Johannes Paul II. Als Dogmatiker weiß er, dass es im katholischen Gedankengebäude zwar Säulen gibt, die nicht entscheidend für die Statik sind, aber wer zu viele Säulen entfernt, begibt sich in Gefahr.
Ratzinger wurde angelastet, dass er als Präfekt unbarmherzig mit Lateinamerikas Befreiungstheologen umgegangen sei. Das stimmt subjektiv, doch wird leicht übersehen, dass es zum Bruch mit Leonardo Boff und Gustavo Gutierrez wegen deren Legitimierung von Gewalt kam. "Wo Politik Erlösung sein will verspricht sie zuviel. Wo sie das Werk Gottes tun möchte, wird sie nicht göttlich, sondern dämonisch", schreibt Ratzinger rückblickend in "Glaube - Wahrheit - Toleranz" (2003), einem Buch über das Christentum und die Weltreligionen. Keine Aufklärung also ohne Klärung ist von Papst Benedikt XVI. zu erwarten - aber vielleicht ein wenig mehr Verständnis bei weniger elementaren dogmatischen Fragen, ein wenig mehr Entkrampfung im Verhältnis zu anderen Religionen, anderen Partnerschaften, oder beim Thema Empfängnisverhütung?
Im Gespräch mit Seewald, der aus der Kirche ausgetreten war, hat Ratzinger die Tugend des Zuhörens gepflegt. Der Journalist, der Ratzinger als bescheidenen Mann beschreibt, soll sich nun wieder im Schoß der Kirche befinden. Vielleicht ist es wahr.

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