"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wem die Stunde schlägt" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 24.04.2005

Graz (OTS) - Eine Spirale des Irrsinns dreht sich schneller und schneller: Parteifunktionäre, die sich ob ihrer gemeinsamen Gesinnung bisher als Kameraden ansprachen, schließen sich gegenseitig aus. Sie bezichtigen die vormaligen Mitkämpfer des Verrats und des Betrugs, werfen ihnen Charakterlosigkeit, Sesselkleben und Käuflichkeit vor. Der Feind lag im eigenen Bett. Nach der Trennung wird der Schlüsseldienst gerufen. Polizei und Gericht sollen klären, wem Büro, Schreibtisch und Hausrat gehören und wer die ungedeckten Schulden abstottern muss.

Der Rosenkrieg treibt Blau und Orange dem Abgrund zu. Was als Auszug der Führungsgarnitur begann, endet als Bürgerkrieg an der Basis. Wenn die Offiziere die Seiten wechseln, müssen sich auch die Soldaten einreihen. Hätten ganze Verbände geschlossen neue Uniformen angezogen, wäre die Lage übersichtlicher. Das war nicht einmal in Kärnten der Fall, wo das letzte Aufgebot der Deutschnationalen die Bocksprünge des Landeshauptmannes nicht länger mitmachen will. Der Riss geht quer durch alle Landesgruppen bis hinunter in die Städte und Dörfer.

Mit der Spaltung in zwei Lager wird der Prozess der Trennung nicht abgeschlossen sein. Der Salzburger Parteitag der "echten" FPÖ ließ ahnen, wie tief das Gift des Hasses bereits eingedrungen ist. Man lechzt nach der Niederlage, ja der Vernichtung des Rivalen.

Im Wettlauf mit der Zeit verfügt Jörg Haider über die bessere Bahn. Sein BZÖ liegt in den Umfragen immerhin knapp über der Radarschwelle von vier Prozent, während die FPÖ an dieser Hürde zu scheitern droht. Außerdem kann Haider auf ein Grundmandat in Kärnten hoffen, was schon Friedrich Peter das Überleben als Parlamentspartei rettete.

Orange muss also trachten, sich bis zum regulären Wahltermin 2006 auf der Regierungsbank anzuschnallen. Blau hingegen wird alles versuchen, um die Regierung vorher zu sprengen.

Im Herbst wählen die Steirer und Burgenländer, die sich nicht wie die Oberösterreicher und Vorarlberger für neutral erklärten, sondern kornblumentreu blieben. Leopold Schöggl wird den schmückenden Titel eines Landeshauptmannstellvertreters der Steiermark verlieren, aber das muss nicht der Untergang sein, weil der Rauswurf aus der Regierung ohnehin zu erwarten ist.

Die Entscheidung, ob Blau überlebt, fällt spätestens im nächsten Frühjahr, wenn Heinz-Christian Strache bei den Wiener Wahlen in den Ring steigen und beweisen muss, ob er mehr als ein flottes Mundwerk hat. Vielleicht schlägt ihm bei vorgezogenen Wahlen schon im Herbst die Stunde. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001