WirtschaftsBlatt Kommentar vom 23.4.2005: Ein alter Hut aus dem späten 19. Jahrhundert - von Herbert Geyer

Wien (OTS) - Wenn es darum geht, Karriere zu machen, zählen nicht so sehr Fleiss, Einsatzbereitschaft und Talente, sondern vor allem Geschlecht, Herkunft und soziales Umfeld. Das ist ein alter Hut, der seit dem späten 19. Jahrhundert bekannt ist: Wer Führungspositionen erringen will, muss vor allem einmal ein Mann sein, förderlich ist es auch, wenn schon der Vater in leitender Position tätig war und für einen entsprechenden finanziellen Background gesorgt hat.
Ein wenig ernüchternd ist, dass dieser alte Hut auch im beginnenden 21. Jahrhundert noch nicht ausgedient hat: Eine Untersuchung an 6500 österreichischen Akademikern hat gezeigt, dass auch heute noch vor allem Männer aus der Oberschicht oder dem gehobenen Mittelstand in Führungspositionen gelangen.
Die Gründe dafür sind so simpel wie irrational: Über Karrierechancen entscheiden nun mal die Vorgesetzten. Und die suchen sich als Wegbegleiter auf der Karriereleiter eben am liebsten Leute aus, die möglichst ähnlich sind wie sie selbst: männlich, gebildet, aus dem gehobenen Mittelstand.
Daran haben jahrzehntelange Bemühungen, die Bildungsinstitutionen auch für Kinder aus anderen Milieus zu öffen, ebenso wenig geändert wie die Tatsache, dass unter den Studenten insgesamt bereits mehr Frauen zu finden sind als Männer. Es mag immer schwieriger werden, unter den Absolventen der Unis noch eine ausreichende Zahl passender Karriere-Kandidaten nach den überwuzelten Kriterien des 19. Jahrhunderts zu finden - aber noch gelingt es.
Das ist - vom Standpunkt der Betroffenen, die trotz guter Ausbildung, trotz Engagement und Fleiss keine Chance auf Führungspositionen erhalten, gesehen - natürlich höchst unfair. Es ist auch volkswirtschaftlich nicht wirklich sinnvoll, mit hohem Aufwand auch Kinder anderer Sozialschichten in die Lage zu versetzen, sich bessere Bildung anzueignen, wenn man ihnen dann doch den Zutritt zu Karrieren verweigert.
Vor allem aber ist es glatte Ressourcen-Vernichtung, zwei Drittel des Führungskräfte-Potenzials - oder auch noch mehr - durch sachfremde Kriterien einfach von Aufstiegschancen auszusperren und nicht simpel die Beste auf die Karriereleiter zu holen, sondern bloss den Besten von denen, die einem gut zu Gesicht stehen.
Und das kann sich weder Österreich leisten noch seine Unternehmen. Wir sollten das ändern.

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