AK: Gesundheitssystem muss barrierefrei bleiben

Wien (OTS) - "Macht Armut krank, führt Krankheit zu Armut -Vermutung oder Realität?", lautete die Fragestellung einer prominent besetzten Diskussionsveranstaltung von AK Wien und Volkshilfe Österreich. ExpertInnen aus unterschiedlichsten Berreichen wie Dr. Dirk Jarré, Dr. Helmut Ivansits von der AK und Volkshilfe Präsident Dr. Josef Weidenholzer zeigten auf, dass dieser Zusammenhang traurige Realität ist und die Politik hohen Handlungsbedarf hat.

"Arm und krank zu sein, ist ein sozialpolitisches Problem ersten Ranges. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen und mit jedem Stück weniger Sozialstaat wird auf der anderen Seite dieses Problem größer", sagt Helmut Ivansits, AK-Sozialversicherungs-Experte der AK Wien auf der gestrigen Veranstaltung "Arm UND krank". Jede Privatisierung der Gesundheitsvorsorge entsolidarisiert die Gesellschaft und führt zu sozialer Ungerechtigkeit. "Soll Gesundheitspolitik armutsvermeidend sein, muss Gesundheit weiterhin ein solidarisch finanziertes, öffentliches Gut bleiben und darf der Zugang zu allen notwendigen Leistungen nicht vom Einkommen abhängen", sagt Ivansits.

Armut unter gesundheitspolitschen Gesichtspunkten betrachtet, hat zwei wichtige Aspekte: Erstens bedeutet arm sein auch öfters krank zu sein. Trotzdem werden Leistungen des Gesundheitssystems von Ärmeren weniger in Anspruch genommen. So ist bei sozial Schwächeren ein schlechter Gesundheitszustand doppelt so häufig wie bei Angehörigen höherer Einkommensgruppen. Zweitens besteht ein Zusammenhang zwischen dem Gesundheitssystem und Armut. Das Gesundheitssystem kann Armut abschwächen, es kann Armut aber auch verschärfen, etwa durch Zugangsbarrieren und Leistungskürzungen oder durch ein Leistungsangebot, das von der Zahlungsfähigkeit abhängt. "Soll Gesundheitspolitik aber armutsvermeidend sein, muss Gesundheit ein öffentliches Gut bleiben", sagt Ivansits, "solidarisch finanziert und mit uneingeschränktem Zugang zu allen notwendigen Leistungen. Gesundheitssicherung darf nicht "gewinnorientierten Gesundheitsmärkten" überlassen werden."

Das österreichische Gesundheitssystem beruht auf dem Prinzip der Sozialversicherung. Alle Erwerbstätigen sind zur Zahlung von Beiträgen verpflichtet. Die Beiträge richten sich nach dem Einkommen, die Leistungen nach dem Bedarf. Einkommensschwache zahlen weniger als Einkommensstärkere, erhalten aber trotzdem alle notwendigen Leistungen. Dieses Prinzip wird heute zunehmend durch eine "Liberalisierungsepidemie" in Frage gestellt. Durch "alles soll der Markt regeln, alles Privat ist besser" wird nur den Versicherungen ein neuer, gewinnbringender Markt erschlossen.

Volkshilfe Österreich Präsident Univ. Prof. Dr. Josef Weidenholzer stellte mit Bedauern fest: "Ja, Armut macht krank, genauso wie Krankheit Menschen in die Armut abrutschen lässt - dies beweisen unzählige Studien. Was fehlt, ist der politische Wille, präventive Handlungen gegen diesen Teufelskreis zu setzen. Aus Sicht der Volkshilfe, die tagtäglich mit ihren über 5.000 MitarbeiterInnen mit den Auswirkungen dieser Spirale konfrontiert ist, muss entschieden mehr getan werden, um Menschen vor dem Abgleiten in die Armut zu bewahren. Engagierte Armutsbekämpfung ist der sinnvollste Weg gesundheitliche Folgen bei sozial Schwachen zu verhindern. Wenn Menschen aus Angst davor ihren Job zu verlieren nicht mehr in Krankenstand gehen, wenn allein erziehende Mütter aufgrund ihres täglichen Existenzkampfes einfach nicht die Zeit haben auf ihre Gesundheit und auf die ihrer Kinder zu achten oder desolate Wohnverhältnisse krankheitsverursachend sind, so ist die Auswirkung neoliberaler Politik und nicht die Verantwortung des Einzelnen. Denn deren Prämisse, dass jeder für sein eigenes Glück verantwortlich ist, gilt nur für die Wohlhabenden. Beseitigung von armutsbedingten Krankheiten ist also in erster Linie eine Frage der Beseitigung von Armut. Und hier sind neben medizinischen ExpertInnen vor allem Schritte seitens der Beschäftigungspolitik dringendst notwendig. Armutsbekämpfung ist eine sinnvolle Zukunftsinvestition - vielleicht verstehen es die Verfechter neoliberaler Denkweisen auf diesem Wege."

Auf der Finanzierungsseite drohen neue Selbstbehalte, auf der Leistungsseite Leistungsrationierungen und auf der Versicherungsebene das "Gesundheitsprämienmodell". Dieses Modell geht von Einheitsbeiträgen unabhängig von der Höhe des Einkommens aus und führt selbst bei einer steuerfinanzierten Beitragssubvention sozial Schwacher zu finanziellen Belastungen vor allem von Einkommensschwächeren. Kranke, die ohnehin schon Beiträge zahlen, werden durch Selbstbehalte noch einmal doppelt belastet. Je höher die Selbstbehalte sind, desto weniger leistbar werden die notwendigen Leistungen, das läuft auf eine Zwei-Klassen-Medizin hinaus. Gleiches gilt für Leistungskürzungen. In vielen Fällen können dann Ärmere diese Leistungen nicht mehr bezahlen, Befreiungen schaffen neue Ungerechtigkeiten, weil eine gerechte Grenzziehung faktisch unmöglich ist.

Gesundheitspolitische Weichenstellungen dieser Art sind mit einer Politik der Armutsvermeidung unvereinbar. Eine Privatisierung der Gesundheitskosten entsolidarisiert die Gesellschaft und führt zu sozialer Ungerechtigkeit. Das Gesundheitssystem muss nicht nur seine armutvermeidende Wirkung behalten, sondern für sozial Schwache noch verbessert werden, fordert Ivansits.

Rückfragen & Kontakt:

Thomas Angerer
AK Wien Kommunikation
tel.: (+43-1) 501 65-2578
thomas.angerer@akwien.at
http://wien.arbeiterkammer.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | AKW0001