"Kleine Zeitung" Kommentar: "Brücken kann nur bauen, wer auf festem Boden steht" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 21.04.2005

Graz (OTS) - Das Alter soll niemanden täuschen: Es ist keine "Verlegenheitslösung", sondern es ist ein starker und eigenwilliger Papst, den die Kardinäle in einem der kürzesten Konklaven der Kirchengeschichte zu ihrem neuen Oberhaupt gewählt haben. Das gab Benedikt XVI. bereits am ersten Tag seines Pontifikats zu verstehen:
In seiner ersten Predigt versprach er, die Einheit der Christen und den Dialog zwischen den Religionen und Kulturen voranzutreiben.

Dass Benedikt XVI. die Predigt dabei in Latein vortrug, dürfte viele Skeptiker in ihrer Ansicht bestärkt haben, dass von ihm keine Modernisierung der Kirche zu erwarten sei. Doch greift ihre Kritik zu kurz: Alle, die "es schon immer gewusst haben", übersehen den subtilen Doppelsinn: Vergangenheit und Gegenwart sind im Denken des Theologen Joseph Ratzinger stets zwei kommunizierende Gefäße gewesen. Indem er für seine erste Ansprache die alte Kirchensprache, das Lateinische wählte, nahm er Bezug auf die geschichtliche Kontinuität, in der die Kirche steht. Als visionäre Eckpfeiler seines Pontifikats schlug er hingegen die Einheit der Christen und das Gespräch zwischen den Religionen in den Boden.

Zwei kühne Ziele: Vor allem die Auseinandersetzung mit dem Islam wird für die katholische Kirche noch zur existenziellen Frage werden. Was aber die Ökumene anlangt, so lässt sich nicht unbedingt behaupten, dass die Einheit der Christen in den Jahren, da Joseph Ratzinger an der Spitze der Glaubenskongregation stand, Fortschritte gemacht hätte. Im Gegenteil: Mit dem Dokument "Dominus Iesus", in dem er den universalen Führungsanspruch der katholischen Kirche betonte, wurde das Verhältnis zu den anderen Konfessionen getrübt. Die Erinnerung an Ratzinger, den unerbittlichen Hüter der reinen Lehre, dürfte auch dafür verantwortlich sein, dass seine Wahl zum Papst selbst unter Katholiken gemischt aufgenommen wurde. Vor allem liberale Gläubige fragen sich, ob Benedikt XVI. derselbe eiserne Zuchtmeister progressiver Strömungen innerhalb der Kirche sein wird, als der er in den letzten zwei Jahrzehnten in Erscheinung getreten war.

Anzunehmen, der neue Papst würde die Akzente in der Glaubenslehre anders setzen, als er es als standfester Verteidiger der Orthodoxie tat, ist naiv. Andererseits lehrt die Erfahrung, dass bekanntlich die Brücken am längsten stehen, die auf einem festen Fundament erbaut sind. Dem neuen Brückenbauer, dem Pontifex, mag vieles nachgesagt werden. Doch an seinem festen und unbeirrbaren Glauben zweifelt niemand. ****

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