WirtschaftsBlatt Kommentar vom 21.4.2005: Ein Papst ist für die Welt, nicht für den Himmel - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Der verstorbene Papst Johannes Paul II. hat während seines ganzen Pontifikats eine Rolle auf Erden gespielt: von der Ostpolitik seiner Anfangsjahre bis zur nachdrücklichen Opposition gegen den amerikanischen Irak-Krieg 2003 war er unüberhörbar präsent. Auch Joseph Ratzinger ist seit vorgestern nicht bloss der Chef der Glaubenskongregation im Vatikan. Allein die Tatsache, dass ein Kardinal mit deutscher Staatsbürgerschaft an die Spitze der katholischen Kirche gewählt werden kann, ist ein politisches Ereignis. Dass manche seiner Landsleute darauf sauertöpfischer reagieren als die Polen auf ihren Wojtyla, liegt primär an der deutschen Grundverfassung und nicht an der Ideologie.
Es ist auszuschliessen, dass ein Mann mit den intellektuellen Fähigkeiten Ratzingers übersieht, dass ihn Ungerechtigkeiten der globalen Wirtschaftsordnung, lebensbedrohende Überbevölkerung in manchen Weltregionen oder die Ausbreitung von Aids als Pest der modernen Zeit etwas angehen, ihm Handlung abverlangen. Wie er es schaffen wird, sich als Benedikt XVI. den Nöten der Zeit zuzuwenden und nicht nur dem Selbstschutzmechanismus in Glaubensdingen, ist nicht vorauszusagen. Er hat sich als Konservativer ausgewiesen. Aber auch einem Konservativen stellen sich Fragen, die nicht aus dem ideologischen Spektrum kommen, sondern Menschheitsfragen sind.
Ein Papst nimmt nicht an G8-Treffen der grossen Wirtschaftsmächte teil, das ist nicht seine Kompetenz. Er steht ausserhalb der bei solchen Veranstaltungen angepeilten Ordnungen. Deshalb kann er auch Wege weisen, die auf der Weltkarte der Gipfelkompromisse nicht einmal hypothetisch eingezeichnet sind.
Benedikt XVI. übernimmt das schwere Amt in einer Zeit, in der sich schärfer als in den vergangenen Jahrzehnten zeigt, wie politisch Glaubensdinge werden können. Was bisher sehr abgehoben als Dialog der katholischen Kirche mit anderen Weltreligionen wirkte, holt den kirchenfernsten Europäer mit dem EU-Beitritt der Türkei ein. Und ist seit dem 11. September von globaler Aktualität.
Die Sehnsüchte vieler Katholiken bezüglich innerer Kirchenfragen, auf die Johannes Paul II. keine Rücksicht genommen hat, wird auch der neue Papst kaum stillen. Am Ende werden die Gläubigen ihm dies nach dem Prinzip "Aufgeschoben ist nicht aufgehoben" nachsehen. Aber die historische Leistung für die Welt zu verweigern wäre gleich der Flucht vor der Verantwortung.

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