Mailath-Pokorny eröffnet Republik-Ausstellung im Jüdischen Museum

"Jetzt ist er bös, der Tennenbaum" ist von 20. April bis 4. Juli im Palais Eskeles zu sehen

Wien (OTS) - "Wien will das Gedenkjahr 2005 zur kritischen Überprüfung der Geschichte der Zweiten Republik nutzen, und diese Ausstellung ist ein wichtiger Beitrag dazu, weil sie zeigt, dass auch 60 Jahre nach dem Kriegsende und 50 Jahre nach dem Staatsvertrag noch immer Fragen der Restitution und der Aufarbeitung ungelöst sind", sagte Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Jetzt ist er bös, der Tennenbaum. Versuch über die Zweite Republik und ihre Juden" im Jüdischen Museum Wien. Auch Direktor Karl Albrecht-Weinberger unterstrich, dass die Ausstellung zu einer ernst gemeinten Auseinandersetzung mit der NS-Zeit einlädt und sich nicht in den Reigen der Jubelausstellungen einreihen möchte. Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek betonte, die Ausstellung sei eine kritische Bestandsaufnahme, die bewusst nicht als eine reine Anhäufung wissenschaftlicher Fakten konzipiert sei, sie solle vielmehr neuralgische Punkte aufzeigen und Diskussionen einfordern, die bis dato gar nicht oder nur höchst mangelhaft geführt wurden.****

"Jetzt ist er bös, der Tennenbaum. Versuch über die 2. Republik und ihre Juden" ist von 20. April 2005 bis 4. Juli 2005 im Jüdischen Museum Wien (1., Dorotheergasse 11) zu sehen. Das Jüdische Museum Wien ist Sonntag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr, an Donnerstagen von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Eintritt: 5,- Euro/ 2,90 Euro ermäßigt. Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm für Schulen. Schulklassen in Begleitung eines Lehrers haben freien Eintritt und eine kostenlose Führung. Detailinformationen zur Ausstellung und zum Begleitprogramm sind auch im Internet unter www.jmw.at zu finden. Zur Ausstellung erscheint ein reich illustrierter Katalog mit 120 Seiten zum Preis von 19,80 Euro (in deutscher Sprache).

Die Beispiele sprechen für sich - kritische Aufarbeitung in neun Stationen

"Jetzt ist er bös, der Tennenbaum" ist ein Zitat aus Helmut Qualtingers und Carl Merz' "Der Herr Karl", einem satirischen Ein-Personen-Stück, das den österreichischen Kleinbürger als dauerhaften Opportunisten entlarvt. Der nach 1945 zurückgekehrte Tennenbaum trägt dem Herrn Karl die "Hetz" nach, die sich der mit ihm im März 1938 gemacht hat, und erwidert seinen Gruß nicht. Herrn Karls Reaktion zeigt deutlich das spezifisch österreichische Selbstbild nach 1945, das in der Ausstellung thematisiert wird. Dabei wird nicht nur auf individuelle Borniertheit und eine antisemitische Grundhaltung in der österreichischen Gesellschaft verwiesen, sondern auch auf jahrzehntelange parteipolitische ideologische Unaufrichtigkeit, historisches Unbewusstsein beziehungsweise bewusste Verdrängung der Geschichte sowie auch auf sprachliche Inkonsequenzen und Mehrdeutigkeiten.

Dieses nicht vorhandene Bewusstsein kommt gerade in der heutigen sozio-politischen Landschaft Österreichs immer wieder sehr deutlich zu Tage. Sie ist allerdings kein Produkt der gegenwärtigen politischen Konstellation, und auch die unverhohlene Hetze gegen Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde ist keine Innovation der FPÖ. Man braucht nur in die Schublade der Geschichte zu greifen, um "bewährte" Stereotype hervorzuholen: Xenophobie, Antisemitismus und gleichzeitiger Kommunistenhass waren nie das Monopol der politisch Konservativen, sondern wurden auch von liberaler und sozialistischer Seite je nach politischen Zwecken und Zielen eingesetzt. Die gegenwärtige politische und atmosphärische Situation steht lediglich dahingehend im Vordergrund, als sie im Extremen verdeutlicht, wohin jahrzehntelanges parteipolitisches Machtstreben, ideologische Unaufrichtigkeit und Geschichtsverdrängung oder gar Geschichtsverdrehung führen. An ihr lässt sich quasi "idealtypisch" demonstrieren, was die Konsequenz davon ist, dass sich ein guter Teil der politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Eliten nach 1945 aus den Eliten von vor 1945 rekrutierte.

Die Ausstellung "Jetzt ist er bös, der Tennenbaum. Versuch über die Zweite Republik und ihre Juden" kann und will keine wissenschaftlich detaillierte zeitgeschichtliche Darstellung der Jahre 1945-2005 leisten. Diese Aufgabe wurde und wird von anderen Medien als der Ausstellung wesentlich besser übernommen. Es geht auch nicht um historische Chronologien und längst bekannte Anhäufung von Fakten, sondern um die Einforderung von Diskussionen, die gar nicht oder höchst mangelhaft geführt wurden, um neuralgische Punkte. Unter diese neuralgischen Punkte fällt die so genannte "Stunde Null" mit der Befreiung der KZ-Lager und der Einrichtung von DP-Lagern, Österreichs Eigenpositionierung als erstes Opfer Nazideutschlands, Entnazifizierung und Nachkriegsjustiz, Restitutionen sowie parteipolitische, individuelle und institutionelle Gesinnungskontinuitäten. Die Einforderung einer Auseinandersetzung der Zweiten Republik mit der eigenen Geschichte wird in Form einer "interaktiven", dialogischen Art durch Spiele präsentiert. Der Raum Museum wird so als Raum des aktiven Streitgesprächs und der Mobilisierung genutzt, in dem die Besucher weniger Konsumenten als Akteure sind.

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o Jüdisches Museum: http://www.jmw.at/

rk-Fotoservice: http://www.wien.at/ma53/rkfoto/

(Schluss) sta

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Dr. Alfred Stalzer
Jüdisches Museum Wien
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