"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Zum Papst gemacht" (Von Peter Nindler)

Ausgabe vom 20.4.2005

Innsbruck (OTS) - Die 115 Kardinäle haben keine Zweifel offen gelassen, wollten dem Nachfolger von Johannes Paul II. keine zusätzliche Last mit in sein Pontifikat geben. Ein langes Konklave hätte den Eindruck einer zerstrittenen römischen Kurie erweckt. Und das kann die katholische Kirche heute am wenigsten gebrauchen.
Und wohl ein zweiter Gedanke leitete die Kardinäle bei der Wahl des 78-jährigen Kardinaldekans Joseph Ratzinger: Sie entschieden sich für strenge theologische Kontinuität und gegen einen gemäßigten Kurswechsel in der Kirche. Das Konklave traf keine geo-politische Entscheidung wie seinerzeit mit dem Polen Karol Wojtyla, sondern sandte ein Signal nach innen aus. Ratzinger soll der mächtige Fels sein, der die Weltkirche in die globalisierte Zukunft trägt. Die Nationalität, ob Italiener, Europäer oder Südamerikaner, kann den Fels nicht stärken. Nur die Person. Der brillante Theologe und Diplomat Ratzinger erfüllt für die Mehrheit des Kardinalskollegiums diese Voraussetzungen.
Benedikt XVI., der einstige Präfekt der Glaubenskongregation und engste Vertraute des verstorbenen Papstes Johannes Paul II., steht für die von seinem Vorgänger geprägte Kirche - für Glaubensstrenge und die reine katholische Lehre. Dem Zeitgeist abhold, predigte der Traditionalist stets die Universalität der Kirche. Zuletzt programmatisch bei der Eröffnung des Konklaves, als er sich klar gegen Modernisierungstendenzen aussprach.
Reformen bei gesellschaftspolitischen Themen wie Sexualität oder in kirchlichen Fragen wie der Stellung der Frau sowie des Zölibats, darf man sich von Benedikt XVI. leider nicht erwarten. Zu sehr repräsentiert(e) er den obersten Glaubenswächter. Die Enttäuschung bei vielen Katholiken wird deshalb groß sein.
Trotz seines Alters wird Ratzinger aber kein Übergangspapst, sondern ein dominanter Pontifex sein. Denn er ging als Favorit für das Papstamt ins Konklave und kam - im Gegensatz zu früheren Wahlen -auch als Papst heraus. Das stärkt ihn.

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