"Kleine Zeitung" Kommentar: "Über einen Eklat - und ein allzu persönliches Geschichtsbild" (Von Reinhold Dottolo)

Ausgabe vom 20.04.2005

Graz (OTS) - Als der mörderische Zweite Weltkrieg zu Ende ging,
war Siegfried Kampl acht Jahre alt. Dass sein Vater als Nazi-Parteigänger von den Engländern vom Hof weg verhaftet wurde, war für den Buben damals ein einschneidendes Erlebnis. Ebenso wohl auch, dass im Krieg - wie kolportiert wird - ein Wehrmachts-Soldat aus seinem Verwandtenkreis von einem desertierenden "Kameraden" erschossen worden sein soll. So sehr man nun Verständnis für Prägungen der Jugend haben kann, so wenig versteht man, dass es dem jetzigen Bürgermeister von Gurk und BZÖ-Bundesrat nicht gelungen ist, sein persönliches Geschichtsbild in den seither verstrichenen sechs Jahrzehnten einer faktengetragenen Neubeurteilung zu unterwerfen.

Der Eklat, den der als Kommunalpolitiker durchaus angesehene Kärntner mit einer Wortmeldung zum Thema braune Vergangenheit lieferte, zeigt jedenfalls, dass Differenzierung seine Sache nicht ist.

Schwieriger ist eine solche Differenzierung zugegebenermaßen bei den von Kampl in vereinzelten Fällen als "Kameradenmörder" gewerteten Deserteuren. Nicht jeder desertierte damals aus Gewissensgründen oder weil er Widerstandskämpfer werden wollte. Dass jenen, die aus anderen Überlegungen die Front wechselten und dabei den Tod von Kameraden verursachten oder in Kauf nahmen, von Seiten der Kriegsgeneration und von persönlich Betroffenen kein Wohlwollen entgegenschlägt, ist nachzuvollziehen.

Wer aber - so wie Kampl - heute noch lautstark über eine angeblich "brutale Verfolgung" der Nazis in der Nachkriegszeit lamentiert, muss sich fragen lassen, ob er alle Sinne beisammen und nicht jedes Gefühl für historische Dimensionen verloren hat. Gerade in diesen Tagen, in denen sich die Befreiung der Konzentrationslager und das Kriegsende jähren, haben wir die Bilder medial wieder vor Augen: Die Leichenberge vor den Krematorien, die Opfer der Todesmärsche jüdischer KZ-Häftlinge, die am Floridsdorfer Spitz von SS-Schergen gehenkten österreichischen Patrioten, die Wien vor der Zerstörung retten wollten.

Was war das dann, Herr Kampl, wenn Ihrer Meinung nach schon die Internierung von Alt-Nazis in Umerziehungslagern "brutal" war? Entschuldigen Sie sich nicht nur - verzichten Sie auch auf den Ihnen demnächst zufallenden Vorsitz im Bundesrat. Das wäre besser für Österreich und für Ihre neue Bewegung, die lieber lässig und modern sein möchte als angebräunt. Vielleicht überzeugt sie zumindest das Wohl der BZÖ.****

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