KINDER ALS FUSSGÄNGER: DIE SCHWÄCHSTEN BLEIBEN AUF DER STRECKE

2004: Zahl der als Fußgänger getöteten Kinder gestiegen - Mehr Rücksicht durch Fahrzeuglenker und Training mit den Eltern notwendig

Wien (OTS) - Die Handlungsweisen von Kindern sind stark gefühlsbetont und daher oft unberechenbar. Im Straßenverkehr wird das zum Problem. "Zu vorausschauendem Verhalten sind Kinder erst ab etwa zehn Jahren fähig", erklärt Dr. Othmar Thann, Direktor des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV). "Deshalb müssten Fahrzeuglenker speziell im Ortsgebiet und vor Schutzwegen besonders aufpassen. Leider prallen die Unberechenbarkeit von Kindern und mangelnde Aufmerksamkeit von Fahrern zu oft in fataler Weise aufeinander." 11 Kindern - um vier mehr als 2003 - wurde das letztes Jahr zum Verhängnis, denn sie starben als Fußgänger im Straßenverkehr. Damit machen die als Fußgänger getöteten Kinder einen Anteil von 50 Prozent an allen 2004 im Straßenverkehr ums Leben gekommenen Kindern aus (insgesamt 22). Besonders jetzt im Frühjahr, wenn sich Kinder wieder mehr im Freien aufhalten, steigt die Unfallgefahr! Bauliche Maßnahmen können die Wege für kleine Fußgänger zwar sicherer machen, das größte Schutzpotenzial liegt aber bei den Erwachsenen, indem sie auf die Eigenheiten von Kindern Acht geben.

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen!

Wahrnehmung, Beurteilungs- und Einfühlungsvermögen von Kindern sind nicht so weit entwickelt, um Gefahren im Straßenverkehr richtig zu erkennen und dementsprechend zu handeln. Die Einschätzung von Entfernungen und Geschwindigkeiten ist eine komplexe Leistung, die erst mit etwa 14 Jahren zuverlässig ausgebildet ist! Kleinere Kinder glauben oft, dass ein Auto so wie sie jederzeit stehen bleiben kann und der Lenker sie sieht, weil sie ja auch das Auto sehen. Durch die fehlende Fähigkeit zur Abstraktion können sie konkrete erlernte Verhaltensweisen zwar an bestimmten Stellen anwenden, aber nicht auf neue, unbekannte Situationen übertragen. "Umso stärker reagieren Kinder auf Ablenkungen wie andere spielende Kinder oder ihre momentane emotionale Befindlichkeit. Abgelenkt sein ist daher eine der häufigsten Ursachen von Kinderunfällen", erklärt Thann. Untersuchungen zeigen, dass Kinder am Zebrastreifen umkehren, weil die Ampel blinkt, Bremsgeräusche, Lärm oder Zurufe zu hören sind. Zusätzlich ist ihre seitliche Wahrnehmungsfähigkeit eingeschränkt:
Ein Erstklässer sieht nur 70 Prozent dessen, was ein Erwachsener wahrnimmt!

Überschätzter Schutzweg

Kinder und Eltern überschätzen die Schutzwirkung von Zebrastreifen:
Die Zahl der Kinderunfälle auf Schutzwegen stieg 2004 um 11,9 Prozent auf 272 an und macht damit fast ein Drittel der Unfälle von Kindern als Fußgängern (2004: 965) aus. Zum einen sind Schutzwege oft verparkt, andererseits halten viele Lenker trotz gesetzlicher Verpflichtung nicht an. Im neuen Vormerksystem ist die Gefährdung von Fußgängern deshalb als Delikt festgehalten. Kaum bekannt ist, dass laut Straßenverkehrsordnung (§ 29) für Kinder der "unsichtbare Schutzweg" gilt. Das bedeutet, dass Kindern - egal ob allein oder in Begleitung Erwachsener - überall das ungehinderte und ungefährdete Überqueren der Fahrbahn ermöglicht werden muss.

Üben, üben, üben

"Eltern dürfen sich nicht nur auf die Verkehrserziehung in Schulen und Kindergärten verlassen", warnt Thann. "Individuelles Training ist für Schul- aber auch Freizeitwege äußerst wichtig." Sobald sich Routine einschleicht, wird es für Kinder wieder gefährlich. Deshalb sollte man nicht nur am Schulanfang oder bevor Kinder selbstständig unterwegs sein dürfen üben, sondern immer wieder während des Jahres das Erlernte auffrischen. Damit Eltern sehen, ob die Kinder sich im Alltag an das Abgesprochene halten, sollten sie unbemerkt beobachten, wie sich ihre Kinder auf ihren Wegen in Gruppen Gleichaltriger verhalten und notfalls regelnd eingreifen.
Wichtig ist, dass unter realistischen Voraussetzungen geübt wird. Für den Schulweg zum Beispiel bedeutet das morgens oder mittags trainieren, damit gleiche Verkehrsbedingungen wie im Schulalltag herrschen.

Sicher zur Schule

Es ist ganz natürlich, dass Eltern ihre Kinder vor Gefahren schützen wollen und sie deshalb mit dem Pkw bis zur Schule bringen. Kinder haben dadurch aber wenig Möglichkeit, Erfahrungen als Fußgänger zu machen, außerdem wird gerade in der Schulumgebung das Verkehrsaufkommen erhöht. "Damit Kinder selbstständig sicher zur Schule kommen können, erstellt das KfV Schulwegpläne", berichtet Thann. Wichtig ist dabei die aktive Einbindung der Schüler. In einem aktuellen Projekt werden österreichweit 16 Schulwegpläne für Hauptschulen und AHS-Unterstufen ausgearbeitet. Die Fragebögen, auf denen die 10- bis 14-Jährigen ihren Schulweg und gefährliche Stellen in einer Karte einzeichnen, werden gemeinsam im Geografieunterricht beantwortet. Zusätzlich bewerten die Lehrer das Schulumfeld, geschehene Unfälle werden auf ihre Ursachen untersucht. Anhand der Ergebnisse findet eine Begehung durch Behördenvertreter, Verkehrsplaner und Lehrer statt. Nach der Festlegung der sichersten Schulwege erhält jedes Kind einen Schulwegplan, auf dem neben dem besten Routenvorschlag die Gefahrenstellen eingezeichnet und mit Fotos erklärt sind.

Bauliche Maßnahmen

Besonders gefährliche Stellen müssen straßenbaulich entschärft werden. "Gehsteigvorziehungen bringen die nötigen Sichtweiten auf Straßen mit parkenden Fahrzeugen", erklärt Thann. "Mittelinseln lassen Kinder die Fahrbahn in Etappen überqueren und sie müssen sich so immer nur auf eine Fahrtrichtung konzentrieren." Außerdem werden gefährliche Überholmanöver verhindert, die Aufmerksamkeit der Fahrzeuglenker erhöht und die Geschwindigkeiten reduziert. Eine Geschwindigkeitsreduktion wird auch durch Fahrbahnanhebung erreicht, zusätzlich entsteht ein zusammenhängendes Fußgängernetz. Tempo 30 sollte im Schulumfeld Usus sein, der Schilderwald gehört aber "entholzt", um die Aufmerksamkeit der Lenker auf das Wesentliche zu richten.

"Bei allen baulichen Möglichkeiten bleibt aber die gegenseitige Rücksicht aufeinander der wichtigste Faktor", schließt Thann.

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