"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Eifrige Reformer" (Von Günther Schröder)

Ausgabe vom 14. 4. 2005

Innsbruck (OTS) - Nein, Untätigkeit kann man Bildungsministerin Gehrer diesmal nicht vorwerfen. Den Bericht der von ihr eingesetzten Zukunftskommission quittierte die ÖVP-Politikerin mit einer wahren Reformlawine. Anscheinend hat der PISA-Schock für Österreich einiges bewirkt. Nachmittagsbetreuung soll - so lautet zumindest Gehrers Versprechen - keine Ausnahme mehr sein. Auch moderne Managementmethoden sollen in die Schulen einziehen.

Und doch. Die Diskussion bleibt an der Oberfläche. Dabei steht im Bericht Klartext: Das Schulsystem sei "sowohl strukturell als auch pädagogisch eher auf Selektion und Aussonderung als auf Integration und Förderung hin angelegt", schlechte Noten, Klassenwiederholungen "sind die wichtigsten Instrumente", um Schüler zu Leistungen zu bringen. In diesem Klima verlieren wir - PISA zeigt`s - rund ein Fünftel der Kinder, die nicht ordentlich lesen und rechnen lernen.

Doch einen großen Reformwurf für die gemeinsamen Schule aller 6-bis 15-Jährigen - à la Finnland mit Leistungsgruppen - schlagen die Experten nicht vor. Das wäre zwar pädagogisch sinnvoll. Doch leider:
Es fehlen die Voraussetzungen, "historisch-kulturell", außerdem gebe es keine Akzeptanz in der Bevölkerung. Hier wären die Politiker gefragt. Sie sollten Überzeugungsarbeit leisten, um Sinnvolles durchzusetzen. Dafür setzt Gehrer jetzt die nächste Kommission ein. Es ist eine unselige österreichische Tradition: Weder Schwarz noch Rot sind je an einem besonders durchlässigen Schulsystem interessiert gewesen. Die einen hüteten ihr Bürger- und Bauerntum, die anderen ihre Arbeiterschaft. Diese Zeiten sollten längst vorbei sein. Doch geht Gehrer weiterhin diesen Weg. Ist ja auch bequemer: Damit braucht sie ihre ideologische Abneigung gegen die "Eintopfschule" ebensowenig abzulegen wie sich mit dem stets bremsenden Bildungsapparat anzulegen. Dafür tun alle ganz eifrig. Bis zum nächsten PISA-Schock.

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