"Presse"-Kommentar: Rütteln am Tötungs-Tabu (von Michael Prüller)

Ausgabe vom 14. April 2005

Wien (OTS) - In Kalifornien soll nun aktive Sterbehilfe "Tötung
auf Verlangen" legalisiert werden. Steht am Ende des Weges die Sterbe-Nötigung?
Aktive Sterbehilfe - das klingt noch irgendwie nach der Möglichkeit eines pragmatischen Zugangs. Aber schon der klarere Begriff "Tötung auf Verlangen" macht deutlich, dass die Materie dafür zu tief in das Wertegefüge jedes Menschen reicht.
Dabei gibt es durchaus auch pragmatische Überlegungen. Etwa folgende Frage, immer brisanter in einer alternden Gesellschaft, wo bald jeder Zehnte ein teurer Greis ("die gesündeste Generation von Alzheimer-Patienten, die die Welt je sah") sein wird: Wenn man erst einmal das Tötungs-Tabu aufweicht, bleibt es dann bei der Sterbehilfe, oder kommt es zur allgemeinen Sterbe-Nötigung? In den Worten des deutschen Ex-Bundespräsidenten Johannes Rau (SPD): "Wo das Weiterleben nur eine von zwei legalen Optionen ist, wird jeder rechenschaftspflichtig, der anderen die Last seines Weiterlebens aufbürdet. Was die Selbstbestimmung des Menschen zu stärken scheint, kann ihn in Wahrheit erpressbar machen."
Die britische Politikerin Mary Warnock etwa hat in einem Interview chronisch kranken alten Menschen nahe gelegt, ihrem Leben ein Ende zu setzen, bevor sie ihren Familien und der Gesellschaft zur Last fielen: "Ich sehe nicht ein, was so schlimm an dem Motiv sein soll, anderen nicht zur Bürde zu werden."
Wie viel Egoismus ist nun also erlaubt, und wie viel Opfer kann zugemutet werden? Und wem? Die Antwort hängt wohl auch von einer Vorfrage ab: Wie viel Hoffnung wird eine Zivilisation noch vermitteln können, in der das Alter nicht geehrt, sondern schleichend abgeschafft wird?

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