US-EXPERTE: »WASHINGTON HAT GROSSE CHANCE VERTAN«

Thesen von Prof. Ronald W. Pruessen zum Moskauer Memorandum 1955

Wien (OTS) - Der Jahrestag des »Moskauer Memorandum« vom 15. April 1955 jährt sich diese Woche zum 50. Mal. Die historische Urkunde steht diese Woche im Mittelpunkt eines internationalen wissenschaftlichen Symposions in der Diplomatischen Akademie Wien.

Auf Einladung des IIP referiert am Freitag, den 15. April 2005, u. a. der an der University of Toronto in Kanada lehrende Historiker Ronald W. PRUESSEN. Sein Thema: Das spezielle Verhältnis der USA zum historischen Durchbruch bei den österreichischen Staatsvertragsverhandlungen in Moskau.

»Nach anfänglichem Misstrauen gegenüber der Absichten des Kremls -und gegenüber der Fähigkeiten österreichischer Führungspolitiker wie Julius Raab und Bruno Kreisky - verursachten die Verhandlungen, die am 15. April 1955 durch das Moskauer Memorandum entstanden, wahre Aufregung unter den US Politikern«, erinnert PRUESSEN. »Dwight Eisenhower, John Foster Dulles und andere spekulierten über ein mögliches Tauwetter im Kalten Krieg und stimmten schließlich, nach langem Widerstreben, zu, im Juli eine Vier-Mächte-Gipfelkonferenz in Genf abzuhalten.«

Die Tage zwischen Moskauer Memorandum und der Gipfelkonferenz in Genf seien in Washington von ernsthaften und intensiven Diskussionen über die Möglichkeiten einer politischen Entspannung geprägt gewesen, analysiert der bekannte John-Foster-Dulles-Biograph. Am Ende aber hätten die vom Moskauer Memorandum ausgelösten Hoffnungen den Erwartungen der westlichen Führungsmacht USA nicht entsprochen.

PRUESSEN: »Da die sowjetische Haltung gegenüber Deutschland und den osteuropäischen Angelegenheiten sicher die Rolle beim Scheitern der nachfolgender Verhandlungen spielte, war man in Washington wieder besorgt. Insbesondere Eisenhower, Dulles und andere entschieden, dass die neue Flexibilität des Kremls Österreich betreffend ein Zeichen ernstzunehmender sowjetischer Schwäche war! Nur ein entschlossener und anhaltender Druck seitens des Westens, hatte man das Gefühl, würde zur Wiedervereinigung Deutschlands und zu einem Zurückdrängung des Kommunismus in Osteuropa führen.«

Derartige Überlegungen, so der kanadische Forscher, seien 1955 drei Jahrzehnte zu früh gekommen. »Die übereifrige amerikanische Strategie unterband nach dem österreichischen Durchbruch leider jeden bescheidenen konkreten Schritt in Richtung Entspannung und deutscher Wiedervereinigung.«

Für PRUESSEN symbolisiert das Moskauer Memorandum 1955 also noch etwas anderes, als Freiheit und Souveränität der Zweiten Republik Österreich. Für den kanadischen Wissenschafter symbolisiert das diplomatische Dokument »den Verlust einer wertvollen Chance der US-Außenpolitik nach 1945«.

Hätte es denn eine Alternative zur 30jährigen Teilung Europas und der Welt gegeben? - »Die Beschäftigung Washingtons mit der Kontrolle der Sowjets nach deren vermeintlichem Triumph in Österreich«, so PRUESSEN, »stand einer friedlicher Einigung und Kompromisspolitik sehr oft ernsthaft im Weg!«

Prof. Ronald W. PRUESSEN spricht im Rahmen des öffentlichen Symposions »Moskauer Memorandum 1955« am Freitag, den 15.4.2005, um 14.15 Uhr in der Diplomatischen Akademie, 1040 Wien, Favoritenstrasse 15a, Festsaal.

Der Eintritt ist frei! Simultanübersetzung:
Deutsch-Russisch-Englisch. Das vollständige Programm der Tagung findet sich unter www.iip.at im Internet.

------------------------------------- SYMPOSIUM MOSKAUER MEMORANDUM 1955 Signal für den Frieden in Europa

Das Moskauer Memorandum war Schlüssel zum österreichischen Staatsvertrag 1955. Es begründete die außenpolitische Neutralität und öffnete damit die Tür zur vollen Souveränität der Zweiten Republik Österreich.

Am Freitag, den 15. April 2005, dem 50. Jahrestag der Unterzeichung des diplomatischen Dokuments, lädt das Internationale Institut für den Frieden (IIP) zu einem eintägigen zeitgeschichtlichen Symposion mit abschliessender Podiumsdiskussion.

BEGINN: 10.00 Uhr, Mittagsbuffet 12.30 Uhr ORT: Diplomatische Akademie Wien, Festsaal 1040 Wien, Favoritenstraße 15a Ehrenschutz: Bundespräsident Univ.-Prof. Dr. Heinz Fischer Hauptreferat: Univ. Prof. emerit. Dr. Manfred Rotter, Linz Moderation: Dr. Leopold Specht, Univ. Prof. Dr. Helmut Kramer Zeitzeugen: Botschafter Dr. Rostislav Sergeev, Dolmetscher bei den Verhandlungen 1954/55; Botschafter Dr. Ludwig Steiner, Sekretär von Bundeskanzler Raab

HISTORISCHER TEIL:

Univ.-Doz. DDr. Oliver Rathkolb, Universität Wien: "Österreich aus der Sicht der UdSSR - Sowjetische Geopolitik gegenüber Österreich 1941/1945/1950/1955"

Prof. Dr. Olga Velicko, Akademie der Wissenschaften der Russischen Föderation: "Das Problem des österreichischen Staatsvertrages im Spiegel der sowjetischen Presse 1945-1955"

Prof. Dr. Michél Cullin, Diplomatische Akademie Wien: "Frankreichs Position zum Moskauer Memorandum"

Prof. Ronald W. Pruessen, University of Toronto/ Canada: "Die USA und das Moskauer Memorandum"

Dr. Robert Graham Knight, Loughborough University/ U.K.:
"Österreichpolitik Großbritanniens in der Periode bis 1955"

PODIUMSDISKUSSION: "Muss Europa Weltmacht werden?"

Mit: Dr. Klaus von Dohnanyi, Bundesminister a.D., Oberbürgermeister von Hamburg a.D. (Hamburg), Emmy Werner, Theaterintendantin (Wien), Mag. Gertraud Knoll, Leiterin der Zukunfts- und Kulturwerkstätte (Wien), Erwin Lanc, Bundesminister a.D. und IIP-Präsident (Wien), Prof. Herfried Münkler, Humboldt Universität (Berlin)

Eintritt frei! Simultanübersetzung: Deutsch-Russisch-Englisch ----------------------------------------------------------------

TEILNEHMER/INNEN

Prof. Dr. Michél CULLIN, geb. 1944, Studium der Germanistik und der Politikwissenschaften in Paris, aktiver Studentenpolitiker, franz. Kulturattaché in Wien und Berlin, Gastprofessor der Universitäten Leipzig und Jena, gegenwärtig Diplomatische Akademie, Wien, Redaktionsmitglied der Zeitschrift "Allemagne d'aujourd'hui"

Dr. Klaus von DOHNANYI, geb. 1928, Bundesminister a.D., Oberbürgermeister von Hamburg a.D.; Redner zum 60. Jahrestag der Auslöschung Dresdens im Dresdner Schauspielhaus; zuletzt: "Im Joch des Profits. Eine Antwort auf die Globalisierung" (1997)

Univ.-Prof. Dr. Heinz FISCHER, geb. 1938, Studium der Rechts- und Staatswissenschaften, o. Uni.-Prof. seit 1994, 1971-2004 Abgeordneter zum Nationalrat, 1983-87 Bundesminister für Wissenschaft und Forschung, 1990-2002 1. NR-Präsident, Bundespräsident seit 16. Juni 2004; zuletzt "Wende Zeiten. Ein österr. Zwischenbefund" (2003)

Dr. Robert Graham KNIGHT, geb. 1952, Studium der intern. Geschichte an der London School of Economics, Loughborough University/ U.K., zuletzt: "'Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen'. Wortprotokolle der österr. Bundesregierung 1945-52 über die Entschädigung der Juden" (1998)

Mag. Gertraud KNOLL, geb. 1958, Studium der Theologie in Wien, erste Superintendentin der Evangelischen Kirche in Österreich 1994-2002, Bundespräsidentschaftskandidatin 1998, heute Leiterin der Zukunfts- und Kulturwerkstätte der SPÖ (Wien), zuletzt: "Im Anfang war Beziehung" (2002)

Univ. Prof. Dr. Helmut KRAMER, geb. 1940, Studium der Geschichte, Germanistik, Philosophie in Graz und Wien, Postgraduate-Ausbildung am Institut für Höhere Studien, heute Professor am Institut für Politikwissenschaften der Universität Wien; zuletzt: "Politische Kompetenz und Demokratie" (2000)

Erwin LANC, geb. 1930, leitender Bankanstellter, Wiener Gemeinderat 1960-66, Abgeordneter zum Nationalrat 1966-83, Verkehrs-, Innen- und Außenminister 1973-84, Präsident des IIP seit 1989; zuletzt: "Sozialdemokartie in der Krise" (1996)

Prof. Herfried MÜNKLER, geb. 1951, Studium der Germanistik, Politikwissenschaften und Philosophie in Frankfurt und Heidelberg, seit 1992 Lehrstuhl für Theorie der Politik am Fachbereich Sozialwissenschaften der Humboldt Universität zu Berlin, publizierte 2002 den Sachbuchbestseller "Die neuen Kriege"

Prof. Ronald W. PRUESSEN, geb. 1944, Studium der Geschichte, lehrt an der University of Toronto/ Canada, Spezialist für die Geschichte der Stalin-Ära sowie für US-chinesische Beziehungen, Biograph von John Foster Dulles, Secretary of State unter Eisenhower

Univ.-Doz. DDr. Oliver RATHKOLB, geb. 1955, seit 1984 wissenschaftlicher Angestellter des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte und Gesellschaft, dessen Leiter er heute ist. 1985-2000 wissenschaftlicher Leiter der Stiftung Bruno Kreisky Archiv, Gast-professuren in Havard und Chicago; wissenschaftlicher Leiter der Internetplattform Demokratiezentrum Wien; zuletzt: "Außenansichten. Europäische (Be)Wertungen zur Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert" (2003)

Dr. Rostislav SERGEEV, geb. 1926, Studium am Moskauer staatliches Institut für internationale Beziehungen, 1953-59 Teilnehmer bei den Verhandlungen über die Probleme der Nachkriegsregulierung in Österreich und Deutschland.1980-90 Botschafter der UdSSR in Mexiko, seit 1991 der Vorsitzende des Rates zur wirtschaftlichen Sicherheit der Außenpolitischen Vereinigung, zuletzt: »Im erschütterten Mexiko. Botschaftsalltag« (2002).

Dr. Leopold SPECHT, geb. 1956, Studium der Rechtswissenschaften und der Philosophie in Wien sowie an der Havard Law School, zahlreiche Lehraufträge und Gastprofessuren, Mitglied des Österreich-Konvents, heute Rechtsanwalt in Wien

Dr. Ludwig STEINER, geb. 1922, Studium der Volkswirtschaft, 1948 Eintritt in den diplomatischen Dienst, Sekretär des Bundeskanzlers Julius Raab 1953-58, Staatsekretär im Bundesministerium für Auswärtige Angelegenheiten 1961-64, Botschafter in Griechenland und Zypern 1964-72, Abgeordneter zum Nationalrat 1979-90, Vorsitzender des Österr. Fonds für Versöhnung, Frieden und Zusammenarbeit

Prof. Dr. Olga VELICKO, russische Zeithistorikerin und Politologin der Akademie der Wissenschaften der Russischen Föderation. Seit 1994 Mitglied des wissenschaftliches Rates der internationalen Historikerkommission der Arbeiterbewegung. Forschungsschwerpunkte: politische Katholizismus, Religionswesen und Arbeiterbewegungen in Westeuropa

Emmy WERNER, geb. 1938, Schauspielerin, Regisseurin, Theaterleiterin, heute Volkstheater Wien

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