"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Zeit des Wunderns" (Von Monika Dajc)

Ausgabe vom 7. 4. 2005

Innsbruck (OTS) - Billige Schmiere oder teures Staatsschauspiel?
In Österreichs Politik verschwimmen in diesen Tagen die Grenzen zwischen den Sparten. Mit rasantem Tempo entfernt sich die Spitze der Koalition von den gängigen Vorstellungen des Vernünftigen und Redlichen. Wie tief darf man sich ducken, um das Schlottern der Knie zu verbergen?
Nur einige Monate ist es her, da tat Jörg Haider kund, er werde Wolfgang Schüssel nie mehr in seinen Porsche steigen lassen, es sei denn er habe vorher einen Schleudersitz eingebaut. Im normalen Leben der Menschen, auf die sich Politik so gerne beruft, wäre dies das Signal für einen endgültigen Bruch. Nicht so in der heimischen Spitzenpolitik. Der Kanzler nimmt den Farbwechsel samt Partei-Neugründung und abermaliger Machtübernahme des Partners nicht nur artig zur Kenntnis. Er würdigt den unübertroffenen Meister im Aufbauen und Zertrümmern auch noch als jemanden, dem man trauen könne. Aber unerschütterliches Vertrauen wird es wohl nicht gewesen sein, das den Kanzler veranlasste, sich von Haider eine Garantie gegen Störmanöver in der nächsten Zeit und vor allem während der EU-Präsidentschaft geben zu lassen.

Nach den bisherigen Erfahrungen mit dem Kärntner LH und BZÖ-Gründer könnten Schüssel wertlose Blätter bleiben, sollte dem so genannten Partner bei Gelegenheit der Sinn nach anderem stehen. Schon jetzt ärgerlich wird es, wenn in dem grausen Stück plötzlich auch die Österreicher vorkommen. Pressekommentare zu Vorgängen in anderen Ländern sind europäischer Standard. Doch der Kanzler zeigte sich irritiert über scharfe Meinungen. Die Österreicher brauchten keine ausländischen Belehrungen. Mit dem Reflex aus der Zeit der Sanktionen gelobte Schüssel, sich schützend vor jeden einzelnen Bürger zu stellen. Um die Österreicher geht es nicht, sondern um ein seltsames Regierungsbündnis, das nicht nur im Ausland für Irritationen sorgt.

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