Ein Reformstau, der alle Dämme brechen lässt. Die katholische Kirche benötigt nicht nur einen neuen Papst, sondern auch ein neues Konzil.

"Presse"-Leitartikel von Dietmar Neuwirth

Wien (OTS) - Alle Augen sind wie gebannt auf den leeren Stuhl
Petri gerichtet. Spekulationen über die Nachfolge von Johannes Paul II. wuchern. Sogar Eminenzen - die ja das Privileg haben, ab 18. April den neuen Papst zu wählen - können sich der Versuchung öffentlicher Spekulationen nicht entziehen.
Es ist schon so wie in der Politik: Über Personen diskutiert es sich halt doch wesentlich leichter als über Inhalte. Angesichts der, euphemistisch formuliert, Herausforderungen, vor denen die katholische Kirche steht, wäre eine Fehlentscheidung bei der Wahlversammlung der Kardinäle zwar nicht gerade unmittelbar existenzbedrohend, aber jedenfalls gefährlich. Immerhin sprechen wir von einer Organisation mit mehr als einer Milliarde Mitgliedern in allen, sich immer weiter ausdifferenzierenden (und teilweise auch voneinander entfernenden) Kulturkreisen. Und in eben dieser Kirche existiert unverkennbar ein Reformstau, der alle Dämme brechen lassen könnte. Wer dies entweder nicht zu sehen vermag oder davor die Augen verschließt, ist ein schlechter Hirte.
Ja, natürlich, der Kirche fehlt derzeit ein Papst. Was ihr aber gleichfalls fehlt, ist eine völlige Neuausrichtung. Seit dem großen Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils, in dem der Staub der Jahrhunderte weggeblasen wurde, der den Glanz der Glaubensschätze kaum noch erkennen ließ, sind vier Jahrzehnte vergangen. Eine lächerlich geringe Zeitspanne in der 2000-jährigen Kirchengeschichte. Eine unendlich lange Zeit am Beginn des 21. Jahrhunderts angesichts der Dynamik der Entwicklungen. Die sozialen, wirtschaftlichen und (geo)politischen Rahmenbedingungen haben sich seit dem Abschluss des Konzils durch Papst Paul VI. radikal geändert. Dem muss Rechnung getragen werden. Dazu bedarf es einer außerordentlichen Kraftanstrengung, zu der ein Einzelner, und sei er noch so begnadet, nicht imstande sein kann. Dazu bedarf es der Erfahrungen von Bischöfen, Theologen und Theologinnen aus allen Kontinenten. Dazu bedarf es intensiver, konzentrierter Beratungen. Kurzum: Dazu bedarf es eines neuen Konzils.
Zu sehr ist die theologische Wissenschaft wegen des keinen Millimeter Abweichung duldenden Drucks aus dem Vatikan zum Erliegen gekommenen. Zu weit hat sich die pastorale Praxis entweder vom realen Leben vieler entfernt oder generös über römische Regeln hinweggesetzt. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffen oft Welten, was die Glaubwürdigkeit der Kirche insgesamt nachhaltig untergräbt.
Die großen Krisenthemen sind ja nicht wirklich neu. Zunächst ist das Papstamt eine genau Betrachtung wert. Eine deutlichere Einbindung des Bischofs von Rom in das Kollegium aller Bischöfe, wie übrigens vom jüngsten Konzil verlangt, könnte geeignet sein, die Qualität der Entscheidungen und so deren Akzeptanz im Kirchenvolk sprunghaft zu erhöhen.
Dasselbe gilt selbstverständlich für behutsame, aber entschlossene Änderungen des lehramtlichen Kurses bei den sattsam bekannten Reizthemen wie Frauen, Sexualität, Umgang mit Geschiedenen, die wieder heiraten, oder Bedingungen, an die die Priesterweihe geknüpft sind. Furcht ist unangebracht. Derartige Änderungen wären weit entfernt, den Kern des Glaubens auch nur anzutasten.

Parallel sind nach den vielen bedeutenden symbolischen Gesten in Richtung der Geschwisterkirchen während des vergangenen Pontifikats nun weiterführende konkrete Schritte fällig. Dass es manchmal den Anschein hat, der Wille dazu ist nicht nur in der katholischen Kirche wenig ausgeprägt, sei nur nebenbei bemerkt. Schließlich müssten Änderungen in der Liturgie auf der Agenda stehen. Dabei ist an eine zeitgemäßere Sprache genauso zu denken wie an die Rücknahme der Wortanteile.
Und sonst nichts?! Zugegeben, die To-do-Liste für den neuen Pontifex ist sehr, sehr anspruchsvoll. Umso mehr müsste sich der neue Papst eben nicht mehr als absoluter Monarch, sondern als Primus inter pares verstehen, der sich dann und wann sogar von Mitbrüdern überzeugen lässt. Ideen, die Weltkirche (wieder) in eine überschaubare Zahl von Patriarchaten zu gliedern, die für ihren Bereich weitgehend selbstständig handeln dürfen, haben viel für sich.
Die Kirche der Zukunft wird von Rom aus sinnvollerweise nicht mehr jedes noch so kleine Detail bis in den hintersten Winkel der Welt regeln können. Man kann dies auch Einheit in Vielfalt nennen.

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