WirtschaftsBlatt Kommentar vom 7.4.2005: Gewinn verpflichtet, sonst ist er weg - von Arne Johannsen

Wien (OTS) - Hoch die Gläser: Österreichs börsenotierte Unternehmen erwirtschaften Rekordgewinne. Sechs Milliarden Euro haben die grossen Börse-Player vergangenes Jahr verdient - so viel wie noch nie. Dass passend zu diesem Geldsprudel auch noch die Sektsteuer gefallen ist, bringt uns zusätzlich in Stimmung. Also einkühlen, entkorken und anstossen. Zumindest heute. Ab morgen denken wir dann wieder nach. Und fürchten uns ein wenig.
Die stolzen Gewinne der Firmen beruhen nicht nur auf der Tüchtigkeit von Unternehmern, Managern und Mitarbeitern. Sie beruhen auch auf einem geänderten gesellschaftlichen, einem wirtschaftsfreundlich gewordenen Konsens. Unternehmen, die Millionen erwirtschaften, müssen sich nicht mehr als Ausbeutungs-Maschinen brandmarken lassen. Und Führungskräfte, die dank Stock-Options-Programmen fürstlich verdienen, werden eher bewundert als kritisiert. Keine Rede mehr von "Abkassierern" in den Chefetagen. Das war nicht immer so.
Dass Unternehmen das Ziel haben, Profite zu erwirtschaften, wird allgemein anerkannt. Der Stimmungswandel hat einen realen Hintergrund: Geht es den Unternehmen gut, geht es der Gesellschaft gut - diese Erkenntnis ist ein Ergebnis des wirtschaftlichen Aufschwungs Doch in Stein gemeisselt ist das nirgends, und Überzeugungen können sich ändern. Und da ist Gefahr in Verzug. Denn die Rekordgewinne der Unternehmen sind nur die eine Seite der wirtschaftlichen Realität. Die andere sieht düster aus: Die Zahl der Arbeitslosen steigt stetig, viele Jugendliche finden keine Lehrstellen, viele Uni-Absolventen keine Jobs. Zudem sind die Realeinkommen der meisten Österreicher in den vergangenen vier Jahren deutlich gesunken.
Diese Konstellation birgt Sprengstoff: Auf der einen Seite Unternehmen, die immer höhere Gewinne erwirtschaften, auf der anderen Seite Menschen, die von diesen Erfolgen nichts spüren - geht diese Schere noch weiter auseinander, wird der oben beschriebene Konsens bald in Frage gestellt werden. Die Manager sind jetzt gefordert, stärker in gesellschaftlichen Dimensionen zu denken. Und das ist schwieriger als die Produktivität um zwei Prozent zu erhöhen. Doch es geschähe in ihrem eigenen Interesse, sonst lassen sich weitere Entlastungen für die Wirtschaft kaum noch argumentieren und durchsetzen.
Schade, dass man in der heutigen Zeit nicht einmal mehr grosse Erfolge beruhigt geniessen kann.

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