Wiener Landtag (3)

Ansprache von Bürgermeister Dr. Michael Häupl

Wien (OTS) - Wer wissen will, wie sich Zukunft gestaltet, muss
auch einen Blick in die Geschichte werfen, sagte Bürgermeister Dr. Michael Häupl, der in seiner Rede an das zerstörte Wien 1945 und die schrecklichen Opfer des Krieges erinnerte, die Leistungen der Wiederaufbaugeneration und den heutigen Status Wiens als erfolgreiche und lebenswerte Stadt hervorhob und auf die Bedeutung der Bundesländer, Städte und Regionen für das politische Gesamtgefüge in Österreich und Europa verwies.

Häupl gedachte der 60.000 im KZ umgebrachten und der 120.000 in die Emigration getriebenen Wiener Juden, der mehr als 11.000 zivilen Opfer der Schlacht um Wien, der schätzungsweise 90.000 gefallenen Wiener Soldaten und der gefallenen Soldaten aller Nationen. Wien sei 1945 eine zerstörte Stadt gewesen, in der 47.000 Häuser dem Erdboden gleich waren, nationale Symbole vom Stephansdom bis zum Parlament ausgebrannt und die gesamte Infrastruktur schwerstens beschädigt war. Aus dieser Bilanz erwachse die Verpflichtung, so Häupl, gegen jede Form von Terror und Diktatur zu kämpfen und für Freiheit, Demokratie und Weltoffenheit einzutreten.

Heute sei Österreich eines der wohlhabendsten Länder der Welt und Wien nach Lebensstandard und Lebensqualität in Europa und weltweit an führender Stelle. Hier sei der Dank an die Wiederaufbaugeneration zu richten, an die Politiker und alle Menschen, die die Fundamente für den Wiederaufbau und damit die positive Entwicklung Wiens und Österreichs gelegt haben. Nicht zuletzt sei diese Generation auch Vorbild, wenn man an der in Wien geleisteten Hilfe für andere denke: An die 200.000 Flüchtlinge aus Ungarn im Jahr 1956, an die 100.000 Flüchtlinge aus der CSSR 1968, an die 50.000 Flüchtlinge aus Polen 1981 und 20.000 aus Rumänien 1990 sowie die 5.000 Flüchtlinge aus Kroatien und die 30.000 aus Bosnien im Zuge des Balkankriegs Anfang der 90er Jahre. Darüber hinaus war Wien, so Häupl, in den 70er und 80er Jahren für 200.000 Ostjuden das Tor zur Freiheit. Dieses Vermächtnis der offenen Herzen müsse auch die heutige Generation weiter tragen.

An die Rolle der Bundesländer im Nachkriegsösterreich erinnernd unterstrich Häupl deren Bedeutung für das Staatswesen. Erst nach den Länderkonferenzen im September und Oktober 1945 mit der Erklärung des Willens zur staatlichen Einheit sei die Zuständigkeit der Regierung Renner für ganz Österreich bestätigt gewesen und in der Folge diese Regierung durch den Allierten Rat anerkannt worden. Die Bundesländer haben damals die Grundlage für den Wiederaufbau Österreichs gelegt, sagte Häupl und diese Bedeutung der Bundesländer als politische Kraft sei auch heute vorhanden und anzuerkennen. Es seien die Kommunen, Regionen und Bundesländer, die überschaubare gestaltbare Lebensräume und ein weitgehend stabiles Lebensumfeld bieten, wo die Menschen Rückhalt, Sicherheit und so etwas wie Heimatgefühl finden. Dieser Status sei auch im heutigen Österreich und im heutigen Europa, unter anderem mit der Wahrung des Subsidiaritätsprinzips abzusichern. Häupl sprach in diesem Zusammenhang die europäische Verfassung an, die dieser angesprochenen Rolle der Regionen Inhalt geben solle.

Abschließend appellierte Bürgermeister Dr. Michael Häupl, den Geist der Lagerstraße, den Geist der Concordia und damit das Gemeinsame vor das Trennende als politisches Handlungsprinzip hochzuhalten. Er zitierte den Wiener Individualpsychologen Alfred Adler: "Es gibt keine allgemeine Wahrheit. Aber was ihr am nächsten kommt, ist die Gemeinschaft!". Bewahren wir uns diese Gemeinschaft, schloss Häupl, die vor 60 Jahren am Wiederbeginn Österreichs stand.

Die festliche Sitzung des Wiener Landtages endete mit der Bundeshymne. (Schluss) gab/rr

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