"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Der Brückenbauer" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 4. 4. 2005

Innsbruck (OTS) - Christ zu sein, sagen jene, die sich darum bemühen, sei schwer und schwierig, wirke aber befreiend, sobald es gelingt. Das hat Papst Johannes Paul II. gebetet und gepredigt, bis zur Selbstaufgabe vorgelebt. Der Pole auf dem Stuhle Petri schrieb Geschichte. Die Stationen und die Jahre seines Pontifikats lesen sich wie Kapitel und Zeilen eines spirituellen und wohl auch politischen Testaments, das er dieser Welt und nicht nur seiner Kirche hinterlässt.

Es war gutteils Politik, was Karol Wojtyla im Oktober 1978 zum 264. Nachfolger Petri machte. Er war fest im Glauben, kraftvoll in der Verkündigung und konsequent in der Führung. Genau dessen bedurfte die katholische Kirche. Sie hatte in den Siebzigern weder die kirchen- und gesellschaftskritischen Strömungen noch ihr Zweites Vatikanisches Konzil verarbeitet. Sie befand sich "in ihrer schlimmsten Krise seit der protestantischen Reformation", schrieb der englische Publizist und Historiker Paul Johnson im US-Magazin Time. Ehen wurden annulliert, Priester traten aus, Nonnen wurden Feministinnen, Ortskirchen lösten sich von Rom, die Finanzen waren außer Kontrolle.

Johannes Paul II. schaffte die Wende, die von einigen jedoch als eine in die falsche Richtung gesehen wurde. Dennoch: Nicht die Gesellschaft sollte die Kirche durchdringen, sondern das Christentum die Gesellschaft. "Habt keine Angst!", rief er den Gläubigen zu. "Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus, öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme für seine Macht!" Gesagt, getan. Bei seinen 104 Reisen hielt Johannes Paul II., der nach Pius IX. (1846 - 1878) am zweitlängsten amtierende
Heilige Vater, rund um den Globus 2300 Ansprachen, denen 400 Millionen Menschen zuhörten. Seine Worte beschleunigten den Zusammenbruch kommunistischer Systeme, geißelten kapitalistische Ausbeutung.

Er war ein Brückenbauer. Als erster Papst betrat er 1982 britischen Boden, 450 Jahre nach der Abspaltung der Anglikaner. Er besuchte als erster Papst eine jüdische Synagoge in Rom, eine Moschee in Damaskus, traf Patriarchen der Orthodoxie. Er nahm Irrtümer der Kirche zurück und suchte Versöhnung, wo die Kirche gefehlt hatte. In einem Pontifikalgottesdienst in Rom im März 2000 wurden Schuldbekenntnisse und Vergebungsbitten gesprochen. "In manchen Zeiten der Geschichte haben die Christen bisweilen Methoden der Intoleranz zugelassen", habe die Kirche gegenüber Israel, gegenüber der Würde der Frau und den Grundrechten der Person gesündigt.

Dieser Offenheit gegenüber anderen und dem Eingeständnis von Schuld und Irrtum der Kirche steht eine außerordentliche dogmatische Festigkeit gegenüber. In der Ablehnung von Abtreibung, der Unauflöslichkeit der Ehe, im Frauenbild, beim Zölibat und im Vorrang des Neuen Testaments gegenüber anderen Verkündigungen blieb Johannes Paul II. unerschütterlich, hart und konsequent. Mit der Berufung mancher Bischöfe und Kardinäle sowie einer Reihe von Seligsprechungen hat er sich verständliche Kritik eingehandelt.

Damit hat Johannes Paul II. manche vor den Kopf gestoßen, gar zum Kirchenaustritt bewegt. Seine Lebensleistung bleibt es dennoch, die katholische Kirche gefestigt in das 21. Jahrhundert geführt, dieser Welt ein Gewissen gegeben zu haben.

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