"Kleine Zeitung" Kommentar: "Von der Trauer der Weltkirche und der Kraft des Rituals" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 4.4.2005

Graz (OTS) - Selten waren Himmel und Erde einander so nahe wie im öffentlichen Sterben von Johannes Paul II. Mit seinem tiefen Verständnis dafür, dass sich der Glaube gerade in unserer von Skepsis geprägten modernen Gesellschaft von der Kraft der Geste nährt, hat der Papst nicht davor zurückgeschreckt, am Ende seines Weges seinen eigenen sterbenden Körper zum Mittelpunkt eines größeren Geschehens zu machen, das alle Formen sprengte.

Die zehntausenden auf dem Petersplatz, die ihm in seinen letzten Stunden beistehen wollten, die Millionen, die seinen Todeskampf übers Fernsehen mitverfolgten: Sie alle wurden Zeugen eines in der Geschichte der katholischen Kirche nie dagewesenen Dramas, das aufgrund der einzigartigen Verknüpfung der Intimität des Todes mit dessen massenmedialer Darstellung fast eine Art heiligen Eventcharakter besaß.

Am Tag darauf sind die Lichter der päpstlichen Gemächer hoch über dem Petersplatz erloschen und hinein in die Leere, die der Tod Johannes Pauls hinterlässt, entfaltet sich das jahrhundertealte Trauerritual, mit dem die katholische Kirche ihren verstorbenen Oberhäuptern die letzte Ehre erweist.

Die feierlichen Gesänge der Priester, Bischöfe und Kardinäle, ihre goldenen liturgischen Gewänder, der helle Klang der Glocken und der Weihrauch, der zum Himmel aufsteigt, die Lichter und die Litaneien, sie sind Ausdruck einer Sinnlichkeit, die uns in unserer von den Gesetzen der Rationalität und Zweckmäßigkeit beherrschten Welt von heute weitgehend abhanden gekommen ist.

Doch in diesen alten Ritualen steckt mehr noch als die Macht an längst in uns verschüttet Geglaubtem zu rühren. Sie zeigen, dass es im nüchternen Betrieb unserer entzauberten und vom Wahn nach Versachlichung getriebenen Gesellschaft noch eine Institution gibt, die sich die Kraft der Repräsentation zutraut, selbst wenn diese als mittelalterlicher Hokuspokus und Larifari verlacht wird.

Die wichtigste Funktion von Ritualen aber kennt jeder, der im Leben mit dem Tod eines geliebten Menschen konfrontiert wurde. Ohne feierliche Gestaltung des Abschieds und der Erinnerung an den Toten kann der Verlust nur schwer bewältigt werden.

Trauerrituale haben soziale Bindungskraft, sie drücken das Ethos einer Gemeinschaft aus und stiften Sinn und Bedeutung. Insofern ist das strenge römische Zeremoniell, das die Zeit zwischen Ableben des alten und Wahl eines neuen Papstes regelt, für alle, denen der Tod von Johannes Paul II. nahe geht, eine Leitplanke bis zum Tag, an dem über dem Vatikan wieder weißer Rauch aufsteigt.****

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