"Kleine Zeitung" Kommentar: "Nach Hause in den Vatikan" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 03.04.2005

Graz (OTS) - Sind die Medien indezent oder wurde das Sterben für die Medien inszeniert?

In Rom gab es Journalisten, die den angeblichen Tod des Papstes in ihrer Sensationsgier ohne Prüfung der Quellen vorschnell hinausposaunten; auch Fernsehreporter, die den Zuschauern einredeten, sie müssten unbedingt dran bleiben, weil noch in dieser Sendung die Nachricht zu erwarten sei, auf die man seit Stunden wartete.

Die Hinfälligkeit des Papstes wurde nicht erst zu Ostern augenscheinlich. Johannes Paul II. bot schon seit einem Jahrzehnt das Bild eines von Schmerzen geplagten Menschen. Unverständlich, ja ärgerlich war, wie lange geleugnet wurde, dass der Papst an der Parkinson-Krankheit leidet. Selbst als er bei einer seiner letzten Auslandsreisen in Preßburg völlig apathisch wirkte, behauptete seine Umgebung, er sei voll da.

Eine unwirkliche und unaufrichtige Debatte. Wie einfach und selbstverständlich klangen da die Worte des steirischen Alt-Bischofs Johann Weber im Radio, als er erzählte, dass er in seiner Kindheit von einem Papst höchstens einmal ein Bild in einer Kirchenzeitung gesehen hat, während heute die Allgegenwart der Medien zum Alltag gehört. Und deshalb sei es mehr als bloße Neugier, wenn ein Papst Abschied nimmt und rund um die Uhr berichtet wird, weil auch das Leiden und Hinwandern zum Sterben zur menschlichen Natur gehört.

Der Papst selbst hat eine Art Drehbuch geschrieben. Hans-Joachim Fischer, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Rom, erinnerte an eine Rede, in der sich der Papst vor genau drei Jahren gegenüber Ärzten aus aller Welt ablehnend zur Intensivmedizin um jeden Preis geäußert hat: "Die Komplexität des Menschen bei der Verabreichung der notwendigen Heilmethoden erfordert, dass man nicht nur seinen Körper berücksichtigt, sondern auch seinen Geist. Es wäre anmaßend, allein auf die Technik zu setzen. Und in dieser Sicht würde sich eine Intensivmedizin um jeden Preis bis zum Letzten nicht nur als unnütz erweisen. Sie würde auch nicht völlig den Kranken respektieren, der nun an sein Ende gelangt ist. Der Begriff der Gesundheit, dem christlichen Gedanken wichtig, steht im Widerspruch zu einer Philosophie, die sich auf ein psychisch-physisches Gleichgewicht reduziert. Diese Sicht verdunkelt die geistliche Dimension der Person."

Manches wird so begreifbar: Johannes Paul II. verließ gegen den Rat der Ärzte die über modernste Intensivmedizin verfügende Gemelli-Klinik, um im Vatikan Ostern zu feiern und dem Ende entgegenzugehen. Er wollte "zu Hause" sein und damit ein Zeichen setzen. ****

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