"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Öffentliches Sterben" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 2. 4. 2005

Innsbruck (OTS) - Millionen Menschen verfolgen in diesen Tagen das geradezu öffentliche Sterben zweier Personen: Jenes der Koma-Patientin Terri Schiavo, die nach einer erbitterten Auseinandersetzung um ihre medizinische Behandlung verstarb; und jenes von Papst Johannes Paul II., dessen Zustand nach einem langen Leidensweg als sehr ernst gilt. Je mehr Kameras sich auf die beiden richteten, desto mehr geriet aus dem Blickfeld, was diese beiden Fälle gemeinsam haben, nämlich die Verletzung der Würde eines Menschen und der Intimität seiner letzten Stunden. Dafür blieb ausgeblendet, was sie grundsätzlich unterscheidet: Schiavo ist eine Person privaten Lebens, um deren Behandlung und Sterben eine leidenschaftliche und bittere familiäre, religiöse, juristische und politische Auseinandersetzung geführt wurde. Der Papst hingegen ist eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, was gerade für Johannes Paul II. gilt, der die Öffentlichkeit zu einem strategischen Instrument seines Pontifikats gemacht hat.

Wahrscheinlich wurde im Vatikan der Zeitpunkt übersehen, den leidenden Papst der Öffentlichkeit zu entziehen. Lange galt, er würde mit seiner Erkrankung und seinem Alter dem leidenden und gebrechlichen Menschen Würde geben. Doch die Bilder des stockenden, um Worte ringenden Papstes haben schockiert. Angesichts dessen, was man sah, gewann man den Eindruck, hier werde jemand vorgeführt. Alter und Krankheit nehmen dem Menschen stückweise seine Selbstbestimmung. Im Gegenzug dazu sollte die Schutzmauer der Intimität höher gezogen werden. Das hätte auch für Personen des öffentlichen Lebens zu gelten, sogar wenn sie Institutionen wie dem Vatikan vorstehen, die unter dem Generalverdacht heimlicher Machenschaften stehen. Das unbestrittene Recht der Öffentlichkeit zu wissen, wie es um Führungspersonen bestellt ist, verpflichtet niemanden, deren Intimität zu verletzen.

Die Bilder aus den USA und aus dem Vatikan werfen nicht nur die Frage auf, ob Veröffentlichungen so weit gehen dürfen, wie das Auge einer Kamera reicht. Es geht nicht nur um die Medien sondern auch um die Medizin, um den Menschen. Die durchaus gängigen Zweifel, was denn noch ein natürlicher oder schon ein verfügter Tod sei, tauchen in neuer Aktualität und Brisanz auf: Wird mit manchem Leben nicht lediglich Leiden verlängert? Diese Debatte wird schon geführt, wurde durch die Bilder beschleunigt, aber allgemein gültige Antworten stehen noch aus.

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