"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Allgegenwart von Waffen wird in den USA nicht hinterfragt" (Von Edith Grünwald)

Ausgabe vom 24.03.2005

Graz (OTS) - Nach jedem neuen Massaker in den USA ist es immer wieder das Gleiche: Es beginnt die erfolglose Suche nach den Motiven der Attentäter, die ziellos das Feuer eröffnen - in Schulen, Einkaufszentren, Gerichtsgebäuden oder einfach auf der Straße. Besonders bei Jugendlichen, wie dem 16-jährigen Jeffrey Weise, der im Red Lake Indianer-Reservat neun Menschen erschoss, fragt man sich:
War es der Einfluss brutaler Videospiele? Das gefährliche Nazi-Gedankengut, mit dem sich der Indianer im Internet gebrüstet haben soll? Warum konnten die strengen Sicherheitsvorkehrungen und der Wachmann vor der Schule den Amokläufer nicht stoppen?

Nur am Rande thematisiert wird die Allgegenwart von Waffen und Munition in der amerikanischen Gesellschaft. Das Recht auf Waffenbesitz ist unbestritten, jeder vierte US-Bürger besitzt mindestens eine Schusswaffe. 200 Millionen Waffen sind in Privatbesitz, in vielen Bundesstaaten wie Texas gehört das Gewehr fast zur Haushaltsausstattung, der Revolver liegt stets griffbereit.

Die Befürworter der Bewaffnung als Bürgerrecht wie die mächtige "National Rifle Association" pochen auf die Verfassung und sehen im privaten Waffenbesitz eine Förderung der Sicherheit. Tatsächlich sterben in den USA jährlich 15.000 Menschen durch Schusswaffengebrauch - zehn Mal mehr als in Westeuropa. Jeff Weise nahm die Waffen seines Großvaters, eines Polizisten. Ein anderer Amokläufer, der im Februar bei einem Gottesdienst in Milwaukee sieben Gläubige erschoss, hatte seine Waffe legal besessen. "Ausrasten" endet in Österreich oft in einer Wirtshausrauferei oder einer Prügelei am Schulhof. In den USA sind es mörderische "killing sprees", wenn Aggression und Suizidwunsch mit dem Zugang zu einer Waffe zusammenfallen. Die Antwort der Gesellschaft: noch stärkere Bewaffnung, noch mehr Sicherheitsmaßnahmen mit absurden Auswüchsen, wenn etwa ein zehnjähriges Mädchen wegen einer Schere in der Schultasche in Handschellen abgeführt wird.

Die Verbindung zwischen den Mordserien und der leichten Verfügbarkeit von schweren Waffen wird hier nicht gezogen. Die allgemeine Aufrüstung der Amerikaner geht weiter. Das Recht auf Waffenbesitz wurde vergangenes Jahr sogar auf Kalaschnikows ausgeweitet, da die Bush-Regierung ein Verbot von halbautomatischen Waffen nach zehn Jahren auslaufen ließ. Obwohl 60 Prozent der US-Bürger dagegen waren, setzte sich die vier Millionen Mitglieder starke Waffenlobby durch. Anlass für das Verbot war übrigens eine Serie von Massakern. ****

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