"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Irrtum der Wachen" (Von Helmut Mittermayr)

Ausgabe vom 24. 3. 2005

Innsbruck (OTS) - Der Fall der amerikanischen Wachkoma-Patientin Terri Schiavo löst eine heftige Debatte um menschenwürdiges Sterben in einer vom Individualismus und dem Ideal der Selbstbestimmung geleiteten Gesellschaft aus. Die Angst des Einzelnen vor einem nicht enden wollenden Siechtum - gerade im Alter - geht um. Die Hochleistungsmedizin kann heute Leben im "vegetativen Status", das früher in Kürze beendet gewesen wäre, Jahrzehnte erhalten. Mit all seinen Schattenseiten: einem Ende ohne absehbares Datum entgegenzudämmern. Für den deutschen Schriftsteller Martin Walser gehört es deshalb zur Selbstbestimmung, so lange "leben zu dürfen oder zu müssen, wie man meint". Wenn entsprechende Patientenverfügungen und Gesetze dies gewährleisten, ist es für Walser sinnvoll. Ich teile seine Meinung nicht und halte ihm eine bemerkenswerte Aussage von US-Präsident George W. Bush entgegen: "In außerordentlichen Umständen wie diesem ist es weise, sich auf der Seite des Lebens zu irren!"

Terri Schiavo hat den Wachen nichts hinterlassen, woraus zu schließen wäre, dass sie nicht künstlich ernährt werden wolle, wenn ihr einmal etwas zustoßen sollte. Nur ihr Mann erklärt, sie habe sich einmal in diese Richtung geäußert. Dabei bleibt schon jede Absichtserklärung eines gesunden Menschen problematisch: Er legt frühzeitig eine Verfahrensweise für eine Situation fest, die er konkret nicht vorwegnehmen kann. Der um die Umstände seines Ablebens Besorgte teilt sich sozusagen in zwei Personen, wobei diese zweite Person schon im vornherein nicht mehr als Person mit eigener Würde betrachtet wird. Da jede Verfügung orakelhaft zukünftig angelegt sein muss, gibt es kein Zurück aus einer Situation, in der man sich möglicherweise gerade nicht äußern kann, aber doch einen Lebenswillen, wenn schon nicht -freude entwickelt hat. Im Zweifel scheint es mir weise, sich auf der Seite des Lebens zu irren.

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