"Die Presse" Glosse: "Der Mensch ist nicht für das Gesetz da" (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 21.3.2005

Wien (OTS) - Die schwerwiegendste Einschränkung ihrer Menschenwürde erfährt die Koma-Patientin Terri Schiavo durch das Gezerre um ihr Leben.
Der Fall erregt die Gemüter einer ganzen Nation: US-Präsident George W. Bush unterbricht sogar seine Ferien in Texas, um sich in Washington mit der Frage zu beschäftigen, ob die 41-jährige Terri Schiavo, die seit 15 Jahren mit irreversiblen Hirnschäden im Koma liegt, sterben darf oder nicht. Ihr Mann setzt sich seit Jahren dafür ein, die künstliche Ernährung auszusetzen. Er wisse, sagt er, dass Terri die lebenserhaltenden Maßnahmen nicht gewollt hätte.
Zweimal hatten die zuständigen Gerichte sich seiner Meinung angeschlossen, beide Male wurde die Wiederaufnahme der künstlichen Ernährung durch politische Beschlüsse erzwungen. So wird es wohl auch diesmal sein: Der Fall spielt sich in Florida ab, und Jeb Bush, der Bruder des Präsidenten, unterstützt die Position jener religiös motivierten Gruppen, die eine Fortsetzung der Behandlung erzwingen wollen. Auch der Präsident hat bereits angedeutet, man solle im Zweifelsfall "für das Leben" entscheiden.
"Für das Leben" ist immer gut. Nur: Für welches Leben? Für eines, das schon allein durch das Gezerre zwischen dem Ehemann und den Eltern der Patientin, durch die politische Instrumentalisierung ihrer Situation in seiner Würde angegriffen ist? Für eines, das von angeblich wohlmeinenden Verteidigern und Schützern des "Lebens" als reines Mittel zum Zweck, als Waffe im Kulturkampf benutzt wird? Für eines, das nach der übereinstimmenden Meinung aller Gutachter während der vergangenen Jahre ohne jede Form von Bewusstsein stattgefunden hat und auch die noch folgenden zwanzig, dreißig Jahre so weitergehen wird, bis irgendwann der Verfall auch durch die Apparatemedizin nicht mehr aufgehalten werden kann?

Wie in der europäischen Euthanasie-Debatte werden von Gegnern wie Befürwortern Argumente vorgebracht, deren Abwägung uns angesichts persönlicher Schicksale an die Grenzen des Denk- und Entscheidbaren führt. Auf den ersten Blick haben die Verteidiger des Lebens immer das alte Gesetz auf ihrer Seite: Das Leben ist zu schützen, wo immer es möglich ist. Vielleicht gilt aber in Fällen wie dem der Terri Schiavo ein anderes Wort: Das Gesetz ist für den Menschen da, nicht der Mensch für das Gesetz.

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