Silvio überrascht Feind und Freund

"Presse"-Glosse von von Wieland Schneider

Wien (OTS) - Wie oft hatte doch Berlusconi die Wichtigkeit des Irak-Einsatzes hervorgehoben. Doch jetzt stehen Wahlen bevor - jetzt ist alles anders.

Es ist soweit: Italiens bravi ragazzi dürfen endlich nach Hause. Es wäre nicht Silvio Berlusconi, hätte er die Frohbotschaft vom beginnenden Truppenrückzug aus dem Irak nicht bei einer Fernsehshow verkündet. In wenigen Wochen stehen wichtige Wahlen an. Und zu solchen Zeitpunkten wusste der PR-Profi stets die Segnungen des Mediums Fernsehen zu nutzen. Auf seine eigenen Sender braucht er dabei gar nicht mehr zurückgreifen. Ein besseres Forum als die öffentlich-rechtliche RAI können die ihm auch nicht mehr bieten. So durfte der Cavaliere nun in einem mehrstündigen Auftritt seine Sicht der Welt darlegen - im Zwiegespräch mit Talkmaster Bruno Vespa, einem deklarierten Bewunderer Berlusconis, versteht sich.
Mit seinem Vorstoß zum Irak hat Berlusconi nicht nur Feind, sondern vor allem Freund überrascht. Außenminister Gianfranco Fini hatte nur kurz vor dem Auftritt seines Regierungschefs noch einen Abzug Italiens kategorisch ausgeschlossen. Pech für den Koalitionspartner in Rom: Hier geht es um Stimmenmaximierung, nicht um Außenpolitik. Pech auch für den Koalitionspartner jenseits des Atlantiks: Der "gute Freund George", für den Silvio dereinst auf seinem Anwesen in Sardinien einen eigenen Antiterror-Bunker in den Fels treiben wollte, muss bald ohne Hilfe aus Rom auskommen. Ein Schlag ins Gesicht für den US-Präsidenten, dessen Koalition der Willigen weiter schrumpft. Das Engagement im Irak war den Italienern seit jeher ein Dorn im Auge. Doch ihr Premier hatte stets beteuert, wie wichtig der Einsatz sei: Man müsse dem Irak die Freiheit bringen und dem internationalen Terror einen Riegel vorschieben. Für den Medienzaren mit starkem Hang zur Selbstdarstellung war aber noch etwas anderes entscheidend: Er wollte Italien wieder groß machen, wollte mit am Tisch sitzen beim mächtigsten Mann der Erde. Jetzt ist alles anders: Was nützt die große weite Welt, wenn dich zu Hause niemand mehr liebt?

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