Michelangelos „Jüngstes Gericht“ ein Manifest des bedrohten Papsttums?

Sensationelle Neuinterpretation durch den österreichischen Kunsthistoriker Hermann Fillitz

Rom (OTS) - Michelangelos Meisterwerk sei in Wahrheit Ausdruck der Verzweiflung des päpstlichen Auftraggebers, der von vielen Seiten her bedrängt war: vom Protestantismus, der sich über ganz Europa auszubreiten drohte, von den Türken, die 1529 Wien belagerten, und nicht zuletzt von Verfallserscheinungen innerhalb des katholischen Klerus.
Diese sensationelle Neuinterpretation der weltberühmten Fresken Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle in Rom präsentierte der Doyen der Wiener Kunstgeschichte, Hermann Fillitz, gestern Dienstag im Rahmen eines Vortrags am Historischen Institut in Rom. ****

Das „Jüngste Gericht“ wurde von der kunsthistorischen Forschung bisher vor allem aus ästhetischer Sicht untersucht. Die politische Aussage seines Bildprogramms fand hingegen kaum Beachtung. Das Werk ist aber voll von konkreten Anspielungen auf die historische Realität der Zeit. Fillitz zufolge ist Papst Clemens VII. sogar selbst im Fresko dargestellt – in der Figur des hl. Petrus, doch mit zwei gebrochenen Schlüsseln, die als Symbol der kirchenpolitischen Notlage des Papsttums gelesen werden können. Die “ brisante These“ stieß beim zahlreich erschienen Publikum auf lebhaftes Interesse, nicht zuletzt bei den Spezialisten der internationalen Forschungsinstitute und den Vertretern der facheinschlägigen Wissenschaften, die in Rom so prominent wie nirgendwo sonst auf der Welt vertreten sind.

Die „NAZARENER“ in einer Ausstellung des Kupferstichkabinetts der Wiener Akademie der Bildenden Künste in Rom

Großes Interesse ruft in Rom auch die eben eröffnete Ausstellung „Die Suche nach dem Unendlichen“ hervor, in der Aquarelle und Zeichnungen aus dem Kupferstichkabinett der Wiener Akademie der Bildenden Künste zu sehen sind. Sie wird in der Casa di Goethe (dem römischen Wohnhaus des Dichters) gezeigt und ist in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Kulturforum in Rom entstanden. Im Mittelpunkt steht das Schaffen der „Nazarener“, einer Gruppe von jungen Künstlern der Romantik, die kurz nach 1800 an der Wiener Akademie zusammenfanden, in der mittelalterlichen Malerei Italiens das Vorbild ihrer asketischen Ideale suchten und ab 1810 in Rom eine klösterliche Lebensgemeinschaft gründeten. Die römischen Kunstfreunde von heute werden mit einer Auswahl von 80 aussagekräftigen Aquarellen und Zeichnungen konfrontiert und durch eine Reihe von Vorträgen fachmännisch an die Thematik herangeführt.

Der Vortrag von Professor Fillitz wird im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht.
Rückfragen an das Historische Institut in Rom: info@oehirom.it,

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