Einem zu BSA-Studie: Aufarbeitung der Vergangenheit war längst fällig

Wien (SK) "Die Veröffentlichung des Buches ‚Der Wille zum aufrechten Gang', löste beträchtliche Emotionen aus", eröffnete BSA-Präsident Caspar Einem am Dienstagabend eine Diskussion zum Thema "Offenlegung der Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten. Mut - Dummheit - Zumutung?" Einem:
"Auf die Frage, warum wir uns damit auseinandersetzen, kann ich nur sagen, dass wir uns nicht mehr ducken wollen, wenn wir auf die Vergangenheit angesprochen werden." Zu der vom Bund Sozialdemokratischer Akademiker/innen, Intellektueller und Künstler/innen (BSA) organisierten Diskussion waren "profil"-Chefredakteur Herbert Lackner, Meinungsforscher Günther Ogris und Marianne Springer-Kremser vom Institut für Tiefenpsychologie und Psychotherapie geladen. ****

Seit der BSA die Studie über seine Rolle bei der Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten in Auftrag gegeben habe, seien viele Fragen aufgeworfen worden, sagte Einem. So gebe es einerseits Nachfahren von jenen Personen, die im Buch genannt werden, die das Verhalten ihrer Ahnen nicht so leicht hinnehmen könnten. "Andererseits stellt sich die Frage der Grenzziehung, denn in dem Buch werden auch Personen als Nationalsozialisten geführt, die außer der Mitgliedschaft nie etwas Negatives getan haben", so Einem weiter. Und schließlich gebe es noch solche, die nicht nur Mitläufer waren. Einem: "Diese finden die Vorwürfe, die 60 Jahre später an die Öffentlichkeit gelangen, nicht besonders ‚lustig' - besonders, wenn sie zuvor nicht offen gelegt waren." Letztendlich stelle sich auch die Frage, ob es gerade in dem Jubiläumsjahr, in der sich die ÖVP als einzige staatstragende Partei präsentiere, angemessen sei, die braunen Flecken der Vergangenheit aufzudecken.

"Wir haben die Studie nicht aus strategischen Gründen in Auftrag gegeben, sondern weil es für uns unerträglich war, sich nicht der Vergangenheit zu stellen", erklärte Einem. Jeder könne die Ergebnisse der Studie sehen, und das sei auch gewollt. "Wir werden uns weiter mit diesen Fragen beschäftigen, denn wir haben uns mit diesem Buch die Legitimation dazu erworben." Auch die ÖVP, die die BSA-Studie nach dem Motto "bei uns war alles in Ordnung" missbrauche, werde vermehrt mit der Frage nach ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit konfrontiert, so Einem.

"Der Wille zum aufrechten Gang": Mut, Dummheit, Zumutung?

Im Gegensatz zur ÖVP, die Dollfuß als Märtyrer der ersten Stunde preise und alles andere unter den Teppich kehre und der FPÖ, die wohl ein einziger brauner Fleck gewesen war, könne er die Entscheidung des BSA zur Aufarbeitung der Vergangenheit nur gutheißen, betonte Lackner. "Es fällt mir aber schwer, einer Organisation Mut zuzuschreiben", so der Journalist, konfrontiert mit der Frage nach dem ‚Mut' einer solchen Entscheidung. Er erinnerte an die heftigen Reaktionen auf seinen Bericht über die NSDAP-Vergangenheit des ehemaligen Tiroler Landeshauptmanns Wallnöfer, Schwiegervater von Herwig van Staa (ÖVP). "Van Staa vermutete dahinter eine Intrige der Grünen und der Tiroler Historiker, der mich auf die nationalsozialistische Vergangenheit Wallnöfers aufmerksam machte, bat mich um Anonymität, da er befürchtete, sonst nie wieder einen Auftrag zu bekommen", zeigte sich Lackner empört: "Auch so was gibt es heute noch."

Ogris stellte klar, dass die Veröffentlichung der Studie keine ‚Dummheit' sei, sondern eine strategische Notwendigkeit: "Wer sich den jungen Akademikern öffnen will, braucht ein antifaschistisches Image." Der Meinungsforscher untermauerte sein Statement mit Fakten der politischen Forschung, nach welchen sich besonders junge Akademiker vermehrt als "Linke" deklarieren. Ogris: "Das hängt mit der universitären Weiterbildung zusammen, denn mit der Abwanderung in die Städte werden nicht mehr die Traditionen des christlichen Abendlandes, sondern die ökologische Nachhaltigkeit verteidigt."

Auch Springer-Kremser, nach der ‚Zumutung' eines solchen Buches gefragt, zeigte sich erfreut, dass das Schweigen gebrochen wurde. Anhand von Erklärungsmodellen aus der Psychoanalyse gab Springer-Kremser die tiefenpsychologischen Vorgänge von gezwungenen ‚Opfer-Täter' Beziehungen wieder, die sich oft in Zynismen zeigen würden. Weiters ging die Fachärztin für Psychiatrie auf die verschiedenen Persönlichkeitsstrukturen ein, die eine solche Studie als Belästigung empfinden und erklärte die Vorgänge in einer politischen Organisation. Springer-Kremser: "Das Buch stellt keine Zumutung dar, sondern die Aufnahme von Belästigungen in den BSA wäre eine Zumutung." Den pädagogischen Zweck des Buches sieht sie vor allem im Kampf gegen das Denkverbot, das alle Bildungsschichten durchziehen sollte: "Dafür leistet das Buch einen sehr guten Beitrag." (Schluss) gg

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