"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Flucht vor der Selbstkritik in den kollektiven Selbstbetrug" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 15.03.2005

Graz (OTS) - Am Tag danach stand schon ein anderes Stück auf dem Spielplan. Die Darsteller durften sich nach der Vorstellung nur kurz verneigen, dann fiel der Vorhang. Die Parteispitzen hielten sich mit dem Plus und Minus der Bürgermeister nicht auf, sondern richteten den Blick - teils besorgt, teils hoffnungsfroh - auf die im Herbst fälligen Landtagswahlen in der Steiermark.

Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ÖVP und SPÖ passt ins Bild, das die Meinungsforscher seit einem halben Jahr zeichnen: Der Vorsprung von 15 Prozent, den Waltraud Klasnic bei den Landtagswahlen vor fünf Jahren gegen den damaligen SPÖ-Spitzenkandidaten Peter Schachner-Blazizek errang, ist der Landeshauptfrau zwischen den Fingern zerronnen. Sein Nachfolger Franz Voves, den man für einen Mitläufer hielt, ist plötzlich zum Herausforderer geworden.

Jetzt kommt es darauf an, wer seine Truppen für die Entscheidungsschlacht im Oktober besser motivieren kann. Es ist zwar verständlich, wenn die geschockte ÖVP die Selbstkritik nicht am Hauptplatz abhandelt, doch wäre es Selbstbetrug, sollte sie tatsächlich glauben, dass der Wind, der ihr ins Gesicht bläst, von Wien ausgeht. Die Turbulenzen sind hausgemacht: Die quälend lange Estag-Krise und der die Partei erschütternde Bruderkrieg zwischen Gerhard Hirschmann und Herbert Paierl haben Klasnic in ihrer Kernkompetenz, der Spontaneität und Instinktsicherheit, beschädigt.

Im Windschatten kam Voves immer näher. Der ehemalige Eishockey-Crack ist in der Politik kein Sturmtank. Man kann aber mit Fehlpässen des Gegners Tore schießen. Voves erwies sich auch als Taktiker: Sein von der Bundes-SPÖ missbilligtes Signal, mit der FPÖ notfalls gemeinsame Sache zu machen, warf die erste Dividende ab. Die roten Bürgermeister in den obersteirischen Industriestädten kassierten die blauen Restbestände.

Kopf an Kopf ist für die Steiermark nicht neu. Die ÖVP hat immer dann, wenn die Bedrohung besonders groß war, alle Kräfte mobilisiert:
1970 lieferte Krainer I. eine Abwehrschlacht gegen den Siegeszug der Kreisky-SPÖ, 2000 gelang Klasnic der Befreiungsschlag.

Bei den Duellen waren die Kleinen nur Statisten. Die Polarisierung zwischen Klasnic und Voves wird Blaue, Grüne, Kommunisten und Hirschmänner an den Rand drängen. Es geht um Schwarz oder Rot: In Salzburg wurde der Ruf nach dem Wechsel umso lauter, desto näher der Wahltag rückte. Bleibt diese Stimmung in der Steiermark aus, sollte die Titelverteidigerin als Erste ins Ziel kommen.****

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