WirtschaftsBlatt Kommentar vom 10.3.2005: Semmering: Blick in die zweite Röhre - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - In das Projekt "Semmering-Basistunnel neu" kann jedermann hineinlesen, was beliebt: selbstverständlich die penetrante Wahlhilfe für die steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic aus dem tiefschwarzen Niederösterreich; aber auch, dass Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll mit der Tunnelblockade, die ihm parteipolitisch viel gebracht hat, rechtlich dort sitzt, wo die Luft dünn ist. Niederösterreich hat sowohl vor dem Verfassungsgerichtshof 1999 als auch dem Verwaltungsgerichtshof in den Jahren 2000 und 2004 nur Niederlagen erlitten. Aber darüber braucht Pröll nicht mehr zu reden - er zeichnet neben die von ihm verhinderte Tunnel-Röhre mit Bleistift und Lineal einfach eine zweite Röhre hin und sagt, ab sofort sei alles neu. Aber auch das Neue, setzt er hinzu, sei lediglich in Planung. Nach den bisherigen Tunnelplanungen seit 1980 heisst das übersetzt: Das ist so gut wie nichts.
Das Verrückte am Semmeringtunnel ist nicht, dass er gebaut wird, und auch nicht, dass er nicht gebaut wird. Mit einem standortpolitischen Jahrhundertprojekt wird schon seit Jahrzehnten politisch umgegangen, wie es Computer-Freaks mit Moorhühnern und Invasoren aus dem All tun:
schiessen und die Treffer zählen.
Dass der Semmeringtunnel bisher als Lustobjekt zweier in der Frage verfeindeter Landesregierungen herhalten musste, ist bloss der Klimax typisch österreichischer Verkehrsplanung. Die ÖBB würde besser, effizienter und mit geringeren Verlusten fahren, wenn nicht jeder Landesherr und manchmal auch Bezirkskaiser durchsetzen könnte, was er sich wünscht. Am Regionalpatriotismus sind etliche Verkehrsminister verblasst und alle Steuerzahler ausgenommen worden. Der Sondierungsstollen, von dem man nicht weiss, ob er jemals so wie jede anständige Wurst einen zweiten Ausgang bekommen wird, hat 93 Millionen Euro gekostet. Vielleicht sogar mehr.
Jetzt zu sagen, es gäbe ein neues, besseres und umweltverträgliches Projekt deutet lediglich auf Bewegung hin. Zur nationalen Führungsqualität würde gehören, dass nach mehr als 20 Jahren entweder der Tunnel gebaut oder das Projekt begraben wird. Und davor muss man entscheiden, ob Österreich diese europäische Hauptverkehrsachse mit den technischen und wirtschaftlichen Massstäben des 21. Jahrhunderts gestaltet, um Menschen und Waren optimal zu bewegen, oder mit dem Weltbild von Sommerfrischlern, Schnitzler-Tragöden und Zauberberg-Asthmatikern, die ihren Emotionsstau in Serpentinen abbauen.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/305
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001