Reanimation 2: Jeder Handgriff muss sitzen

Überlebenschancen des Patienten sinken pro Minute um 10 Prozent

Wien (OTS) - In Österreich werden jedes Jahr in etwa 320.000 Patienten aufgrund einer Herz-Kreislauferkrankung stationär aufgenommen. Davon versterben in etwa 15.000 Patienten. Erleidet ein Patient einen plötzlichen Kreislaufstillstand im Spital, gibt üblicherweise das Pflegepersonal der Station "Herzalarm". Dann muss das gesamte Notfall-Risikomanagement einer Krankenanstalt auf "Knopfdruck" optimal funktionieren, denn die Überlebenschancen des Patienten sinken pro Minute um 10 Prozent.****

Wilfried Ilias, Referent für Notfall- und Katastrophenmedizin der Ärztekammer für Wien, weiß, dass eine Reanimation für alle Beteiligten eine extrem stressige und auch unkontrollierte Situation ist. Ruhiges und geplantes Vorgehen sei daher von immenser Bedeutung. Ilias: "Wenn nicht jeder Handgriff sitzt, kann bereits die geringste Zeitverzögerung tödlich sein. Ärzte und Pflegepersonal müssen ihr Bestes geben, und dafür sollten ihnen auch die notwendigen Gerätschaften wie ein Defibrillator sowie ein Notfallkoffer zur Verfügung stehen."

Kurzfristige Prävention ist möglich

Die aktuelle internationale medizinisch-wissenschaftliche Datenlage zeigt, dass bis zu 84 Prozent der Patienten, die einen plötzlichen Kreislaufstillstand erleiden, bis zu acht Stunden vor dem Ereignis bestimmte akute klinische Veränderungen ihrer Vitalzeichen aufweisen. Ein Herzstillstand könne daher nicht länger als "unerwartetes" Ereignis gelten. Ilias: "Die lebensbedrohliche Verschlechterung des kritisch kranken Patienten in den nächsten Stunden ist vorhersehbar." Damit ist der Kreislaufstillstand aber auch potenziell vermeidbar.

Diese neuen Erkenntnisse erfordern ein völliges Umdenken beim innerklinischen Notfallmanagement - international, wie auch in den österreichischen Krankenanstalten. Ilias: "Die bisher üblichen Herzalarmteams kommen viel zu spät. Dem frühzeitigen Erkennen der klinischen Anzeichen und dem rechtzeitigen und adäquaten Handeln aller Spitalsmitarbeiter unter Einbeziehung der notfallmedizinischen Spezialisten kommt also höchste Bedeutung in der Prävention eines Herz-Kreislaufstillstandes zu."

Für Notfallpatienten zählt nur das Ergebnis

Sabine Schneider, Leiterin der Arbeitsgruppe "Innerklinische Reanimation" des Österreichischen Rates für Wiederbelebung (ARC):
"Eine Reanimation ist ein Notstand. Jeder Mensch - egal ob Primar oder Portier - muss seine erworbenen Erste-Hilfe-Kenntnisse einsetzen, um das Leben des Betroffenen zu retten." Erfolgen die Basismaßnahmen nicht, kommt auch die beste intensivmedizinische Behandlung zu spät.

Spitäler seien, so Schneider weiter, sehr komplexe Systeme mit unzähligen Fehlermöglichkeiten. Viele Menschen mit unterschiedlichem Erfahrungs-, Wissens- und Ausbildungsstand arbeiten hier zusammen. Organisation, Abläufe, Kommunikation und notfallmedizinische Ausstattung spielen eine gewichtige Rolle: "Bei einem Notfall müssen all diese Faktoren reibungslos und unter enormem Zeitdruck funktionieren." Fehler beruhten daher nicht zwangsläufig auf der persönlichen Performance der Mitarbeiter. Schneider betont, dass ein gutes notfallmedizinisches Risikomanagement potenzielle Fehlerquellen im System im vorhinein ausschließen beziehungsweise minimieren sollte.

Umfassender Forderungskatalog der Ärztekammer

- Aus den dargelegten Gründen fordert die Ärztekammer eine notfallmedizinische Dokumentation entsprechend den internationalen Guidelines, um die notfallmedizinischen Qualitätskriterien, die Raten an unerwarteten Todesfällen, Kreislaufstillständen, Intensivtransferierungen und die Anzahl und Ursachen der Notfallteamalarmierungen zu evaluieren.

- Die Krankenanstaltenträger haben dafür zu sorgen, dass ausreichend halbautomatische Defibrillatoren zur Verfügung stehen und das gesamte Personal auch damit umgehen kann. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind zumindest regelmäßig in Basisreanimationsmaßnahmen zu schulen.

- Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat ist dazu aufgefordert, die im Rahmen der Gesundheitsreform 2005 versprochene "Top Medizin für alle" zu gewährleisten und auf Dauer zu sichern.

- Das Austrian Resuscitation Council muss den Krankenanstalten die entsprechenden pathophysiologische Alarmierungskriterien sowie Dokumentationsmöglichkeiten, die mit dem neuesten Wissenstand übereinstimmen, zur Verfügung stellen.

- Im Verantwortungsbereich der Krankenanstaltenträger liegt es, die Umstellung von reinen Herzalarmteams auf medizinische Notfallteams zu ermöglichen, damit eine frühzeitige Behandlung durch notfallmedizinische Spezialisten sichergestellt werden kann. Die notfallmedizinische Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität in den einzelnen Häusern muss regelmäßig evaluiert werden, um die optimalen Rahmenbedingungen, entsprechend den medizinisch-wissenschaftlichen Leitlinien, umzusetzen. (bb/hpp)

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