Bildung: Broukal sieht Vergeudung eines Großteils der geistigen Ressourcen durch zu frühe Selektion

Wien(SK) "Durch die frühe Selektion im Alter von zehn Jahren wird ein Großteil der geistigen Ressourcen vergeudet", kritisierte der Wissenschaftssprecher der SPÖ, Josef Broukal, im Rahmen einer Podiumsdiskussion der SPÖ Döbling am Dienstag zum Thema "PISA war nur der Anfang: Wohin geht die Schule jetzt?". Die Entscheidung über einen Besuch einer AHS oder Hauptschule sei mit zehn Jahren zu früh. "In den besten PISA-Ländern findet eine Selektion erst später mit 14 oder 15 Jahren statt", betonte Broukal und stellte fest, dass sich in den drei Monaten, die seit dem Erscheinen der PISA-Studie vergingen, viel getan habe. Für Broukal zeigt diese Studie, dass Politik Wirkung haben kann. "PISA war wichtig um Druck auf die ÖVP und Gehrer auszuüben", und Broukal zeigte sich erfreut, dass "Dinge, die die ÖVP jahrzehntelang nicht bereit war zu denken, auf einmal möglich sind". Die ÖVP müsse "ihren jahrzehntelangen Widerstand gegen eine Modernisierung aufgeben da gezeigt wurde, dass es um das momentane Schulsystem nicht gut steht". Auch die öffentliche Stimmung habe Dinge aufgebracht, die jahrzehntelang im parteipolitischen Sumpf geschlummert haben. ****

Broukal übte heftige Kritik an der Reaktion von Bildungsministerin Gehrer auf die PISA-Studie. "Zuerst war die SPÖ schuld wegen der Zwei-Drittel-Mehrheit, dann waren die Eltern und Lehrer schuld", so der SPÖ-Wissenschaftssprecher, "alle haben schuld, nur nicht Gehrer". Broukal beschrieb die "Gehrer-Formel 4-12-10": seit dem Jahr 2000 gibt es um vier Prozent weniger Schüler in den Schulen, um zwölf Prozent weniger Lehrer und um zehn Prozent weniger Unterrichtsstunden". Broukal habe versucht, mit der ÖVP zu reden, man habe alles vorgeschlagen wie zum Beispiel eine Untersuchung über den Bedarf von Nachmittagsbetreuung, doch die Antwort war immer ein "Nein". Broukal kritisierte diese Weigerung, Gehrer handle nach dem Motto "was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß und was ich nicht will, will ich auch nicht wissen". Für den Wissenschaftssprecher der SPÖ ist "dieser Datenmangel mit Schuld daran, dass uns PISA wie ein Blitz getroffen hat".

Der SPÖ-Wissenschaftssprecher kritisierte das Vorgehen
Gehrers, "sich immer für die Partei und gegen den Schutz der Betroffenen zu entscheiden". Broukal bezeichnete PISA als Glücksfall, denn die Studie zeige unbestreitbar, dass "dieser Kurs in die Tiefe führt". Broukal kann sich noch gut erinnern, "wie Gehrer Brötchen mampfte und wissen wollte, ob die SPÖ bereit wäre, Einsparungen im Schulbereich zu tragen". Broukal betonte, dass es Gehrer nie um Schulqualität gegangen wäre.

Broukal wies darauf hin, dass ein Antrag der SPÖ zur Abschaffung der Zwei-Drittel-Mehrheit im Dezember abgelehnt wurde. "Mitte Februar kam jetzt die große Ankündigung über den Verzicht der Zwei-Drittel-Mehrheit und falls es dabei bleibt, auch wenn Stimmen von VP-nahen AHS-Lehrern, Teilen der Elternvereine und von Kardinal Schönborn dies nicht wollen", so Broukal, "ist der große Gewinner bei der Aufgabe der Blockademöglichkeit der ÖVP für große Schulgesetze die SPÖ". Schulpolitik werde durch das Wegfallen der Zwei-Drittel-Mehrheit zweifellos zum Wahlkampfthema. Der Wegfall würde bedeuten, dass grundsätzliche Änderungen im Schulsystem möglich sind. Die SPÖ wolle zunächst Schule so organisieren, dass "sie für die Schüler mehr bringt als heute und dass Verantwortung für die Kinder übernommen wird". Die SPÖ wolle eine Schule, in der nicht die Freude am In-die-Schule-gehen abnimmt, sondern eine Schule die kinder- und menschengemäßer ist und Bildungschancen nicht nach dem Elternhaus zuteilt.

Für Broukal ist die AHS "keine unerfolgreiche Schule", dieser Erfolg lasse sich durch verschiedene Voraussetzungen erklären. Einerseits finde in der AHS eine ständige Selektion statt, wer nicht entspricht müsse in die Hauptschule und andererseits ziehe die AHS vor allem Eltern mit mehr Bildung und mehr Geld an. Broukal betonte, dass alle, die sich im öffentlichen Prozess durchsetzen können, ihre Kinder in einer AHS haben. "Auch hier findet eine Auslese statt", kritisierte der SPÖ-Wissenschaftssprecher. "Das System erzeugt Fehlurteile und um diese zu vermeiden, sollte ein Einstellungsgespräch mit zehn Jahren erst gar nicht stattfinden". Broukal sprach sich dafür aus, "eine Entscheidung zu einem vernünftigen Zeitpunkt zu treffen". Broukal selbst wurde im Alter von zehn Jahren nicht in die AHS aufgenommen, da ein Volksschuldirektor ihn für "ungeeignet" hielt.

Der SPÖ-Wissenschaftssprecher verglich die Errichtung einer gemeinsamen Schule mit der Erschaffung einer Lärmschutzwand. Bei einer neuen Lärmschutzwand dürfe es für niemanden schlechter werden aber es müsse definitiv für viele besser werden. Für die Schule bedeutet dies, dass "man die Besten am Besser-sein nicht hindern darf, aber dass man den Schlechteren helfen muss, nach oben zu zielen." Broukal merkte an, dass es zur gemeinsamen Schule einer Entscheidung der Gesellschaft darüber bedarf, dass die Jugend im Sinn von Demokratie gemeinsam aufwachsen soll. In Finnland wurde diese Entscheidung in den 50er Jahren getroffen und auch in Frankreich gebe es "eine Nation und eine Schule". Broukal hofft auch in Österreich auf "eine demokratische Schule in einer demokratischen Republik".

Kim Kadlec, Bundesvorsitzende der Aktion kritischer SchülerInnen, betonte, dass bei PISA standardisierte Testverfahren verwendet wurden und dass diese ein gewisses Ergebnis erzeugen. Diese Testverfahren werden von vielen Seiten kritisiert, da man Leistungen nicht immer nur quantitativ messen könne. Den Reformdialog bezeichnete Kadlec als "sehr spannend, denn unter 80 Teilnehmern befand sich nur eine Schülerin". Daran sei zu erkennen, wie Reformen über die Köpfe der Hauptbeteiligten hinweg entschieden würden.

Die Immigrationssprecherin der SPÖ, Elisabeth Hlavac, bezeichnete PISA als "Schock für uns alle", vor allem weil die Studie zeige, dass 20 Prozent der 15-Jährigen Probleme mit Lesen, Mathematik und Sprachbeherrschung aufweisen. "Schule weist bei uns eine soziale Schieflage auf, diese wird jedoch nicht behoben sondern im Gegenteil noch verstärkt", so Hlavac. Hlavac betonte, dass die SPÖ schon vor dem Vorliegen der PISA-Studie an einem Bildungsprogramm arbeitete.

Zur Frage der Finanzierung merkte Broukal an, dass es am Geld nicht scheitern werde, denn "für alles, wofür man Geld ausgeben will, findet man welches und alles was einem wichtig ist, macht man auch". Die ÖVP habe die Agrarsubventionen um 100 Millionen Euro erhöht und die teuersten Abfangjäger gekauft. Broukal betonte abschließend, dass "wir eine Schule brauchen die für die Schüler, Eltern und Lehrer mehr leistet und diese Schule wird es erst geben, wenn die SPÖ in der Regierung ist." (Schluss) sf

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