"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Freunde in der Not" (Von Monika Dajc)

Ausgabe vom 24. Februar 2005

Innsbruck (OTS) - Lange kann es sich auch der Präsident der
letzten Supermacht nicht leisten, bei traditionellen Verbündeten durch eigenes Zutun mehr auf Skepsis als auf Zuneigung zu treffen. Man geht daher nicht fehl in der Annahme, dass eine Image-Korrektur vorrangiges Ziel von Bushs Europareise ist. Der einst forsche Krieger hat im Irak gewaltige Blessuren erlitten, er sucht Unterstützung. Noch bei jeder Wortmeldung während der Visite verteilte Bush Lob. Gestern durften sich auch das zuletzt nicht mit Erfolg verwöhnte Deutschland und sein Kanzler freuen. Der US-Präsident reiht sich zumindest verbal in die Schar jener, die Schröders Vorstoß für eine NATO-Debatte gut finden. Der Irak-Streit wurde endgültig zu den Akten gelegt. Die Gerhard & George-Show durfte ihrem Höhepunkt zustreben. Mit dem noch schärferen Kritiker des Krieges, Frankreichs Präsident Chirac, teilte Bush zuletzt die Überzeugung, dass Freunde nicht immer einer Meinung sein müssen. Im Atmosphärischen ergibt sich durch die amerikanische Reisediplomatie im Zeichen neuer Freundlichkeit zweifellos ein Wandel. Und der ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass der nächste Disput nicht wieder bis zur letzten Härte ausgereizt wird. Eine echte Kurskorrektur hat nämlich noch keine Seite vorgenommen.
Rasche militärische Erfolge erscheinen dem Herrn im Weißen Haus weiter verlockend. In Europa empfindet man langen Atem unverändert als notwendig, zumal die Bestrafung Schuldiger nicht automatisch die Lösung des Problems ist.
Ein sicherer Irak, Druck auf Syrien und der Frieden im Nahen Osten wurden als gemeinsame transatlantische Betätigungsfelder festgeschrieben. Beim Streit um Irans Atompläne zollt der US-Präsident den diplomatischen Bemühungen der Europäer Anerkennung. Für ewige Zeiten soll der Langmut freilich nicht gelten, wie Bush betonte.

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