ÖGB: Bildungsreform muss sozialer Selektion im Bildungssystem gegensteuern

Auch eine von ÖGB und AK im Oktober 2004 veröffentlichte Studie belegt Schieflage

Wien (ÖGB) - "Das österreichische Schulsystem bringt keineswegs Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen, sondern selektiert nach sozialer Herkunft und Einkommen. Vor allem Kinder aus Haushalten mit geringen Einkommen sind in ihren Bildungschancen gegenüber Besserverdienern benachteiligt", stellt Alexander Prischl, Leiter des Referats für Berufsbildung im ÖGB, fest. Besonders deutlich wird dies in der AHS: Obwohl der Anteil der VolksschülerInnen aus Haushalten mit geringen Einkommen 33 Prozent beträgt, sind es in der 8. Klasse AHS nur noch 16 Prozent. Das Spiegelbild bietet die Polytechnische Schule: 59 Prozent der SchülerInnen stammen aus geringverdienenden Haushalten, nur 11 Prozent aus einem Haushalt im obersten Einkommenssegment.++++

Auch die Bildungsabschlüsse der Eltern sind entscheidend für die Bildungschancen der Kinder: 63 Prozent der Eltern von SchülerInnen in der 1. Klasse AHS verfügen über einen Maturaabschluss oder darüber hinaus gehende Bildung, 10 Prozent über Lehrabschluss. Dieser Flaschenhals verengt sich im Zug der Schullaufbahn weiter: In der 5. Klasse AHS verfügen wiederum knapp über zwei Drittel der Elternhaushalte zumindest über einen Maturaabschluss, in den Berufsschulen sind nur 15 Prozent. Quintessenz: SchülerInnen, deren Eltern hohe Bildungsabschlüsse haben, haben gute Chancen, selbst solche zu erreichen, während Kinder aus einem Elternhaus mit niedrigeren Bildungsabschlüssen es selbst eher nur zu niedrigen bringen werden. Wer Geld hat kann sein Kind eher zur Matura und anschließend auf die Universität oder FH bringen, als Eltern die wenig verdienen. Die soziale Herkunft ist die entscheidende Variable.

Eine Bildungsreform muss daher dringend auf diese Herkunftsaspekte reagieren und der sozialen Selektion gegensteuern. Der ÖGB fordert:

  • den Ausbau vorschulischer Einrichtungen
  • ein verpflichtendes Vorschuljahr in Kooperation

Kindergarten/Volksschule zur Diagnostik und individuellen Förderung, einen fließender Übergang Kindergarten - Volksschule und die vermehrte Einbindung der Eltern (Elternbildung)
- den Rechtsanspruch auf Förderunterricht und ein zweckgebundenes Budget für Fördermaßnahmen für jede Schule

  • den Ausbau ganztägiger Schulformen
  • Individuellen Unterricht und Fördermaßnahmen in allen Grundschulen
  • eine gemeinsame Mittelstufe mit Begabungsförderung, individuellem Unterricht und Fördermaßnahmen, Berufsorientierung als eigener Gegenstand
  • Lehrerausbildung an einer Pädagogischen Hochschule in Stufenform unter Einbeziehung der KindergartenpädagogInnen
  • die Eingliederung der Polytechnischen Schule in das berufsbildende Schulwesen (Berufsvorbereitungsjahr)
  • zur Reduzierung der Drop-Out-Raten: Modularisierung der Oberstufenschulen, keine Wiederholung von Schulstufen, Förderunterricht
  • das Recht auf einen Ausbildungsplatz Ausbau BMHS, Öffnung der Berufsschulen für Jugendliche ohne Lehrvertrag
  • eine Umwandlung der Schülerbeihilfe ausschließlich als soziale Leistung mit deutlicher Erhöhung ab der 9. Schulstufe
  • Gebührenfreies Nachholen von Bildungsabschlüssen Modularisierung der Schulen für Berufstätige

- Reform der Besonderen Schülerbeihilfe

ÖGB, 23. Februar
2005
Nr. 108

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