Der Langstreckenläufer der Freiheit und die Kurzatmigen

"Presse"-Leitartikel vom 23.2.2005, von Christian Ultsch

Wien (OTS) - Was will Europa mehr? Sogar Albert Camus hat der US-Präsident bei seiner Charmeoffensive in Brüssel zitiert: "Freiheit als Langstreckenlauf". Schön. Hätte nur noch gefehlt, dass er im schwarzen Rollkragenpullover und mit Baskenmütze vor die gestrenge Kritikerschar auf dem Alten Kontinent getreten wäre. Doch so europäisch mag man sich George W. Bush gar nicht vorstellen.
Bush hat sich bemüht in Brüssel: um Aussöhnung und einen höflichen Umgangston. Jedem ist klar, dass sich das transatlantische Verhältnis nie wieder so innig gestalten wird wie zu Zeiten des Kalten Krieges, und zwar einfach deshalb, weil der Kalte Krieg vorbei ist. Doch in Hinkunft sollen wenigstens unnötige persönliche Irritationen vermieden werden. Keine unprofessionellen Animositäten mehr wie während der Irak-Krise: Das haben sich Bush, Schröder und Chirac fest vorgenommen.
Die Rollen werden nun anders angelegt, umgänglicher als bisher. Die Charaktere jedoch haben sich nicht geändert. Bush dürfte zwar aus dem einen oder anderen Fehler gelernt haben. Seiner Mission jedoch ist der sendungsbewusste US-Präsident treu geblieben.
Bush fühlt sich dazu auserkoren, der Welt Freiheit zu bringen, zumal dem Nahen Osten. Seine Gleichung ist einfach: Freiheit bringt Frieden und setzt dem Terror ein Ende. Im Irak blüht und gedeiht der Terrorismus nach der Invasion zwar wie nie zuvor. Doch das ist für Bush nur ein kurzfristiges Phänomen, von dem er sich nicht beirren lässt. Er versteht sich eben als ein Langstreckenläufer der Freiheit. So engelsgleich sich derzeit die diplomatischen Chöre auch ausnehmen, in Europa ist man immer noch überzeugt, dass Bush in die falsche Richtung läuft. Nur sagt man es nicht mehr so laut. Neue Apostel aber wird Bush kaum gefunden haben in Brüssel. Zu tief sitzt das Misstrauen nach all den Massenverdrehungsargumenten, die man vor dem Irak-Krieg zu hören bekam.
Ja, ja, die Freiheit. Europäer können mit dem Begriff nur noch wenig anfangen. Hohl kling er ihnen und pathetisch. Es waren zwar einst Franzosen, die die Freiheitsstatue bauten. Aber sie ist längst verschifft nach New York.
Bushs ausgeprägte Werte-Orientierung offenbart eine große europäische Leerstelle. Woran glauben eigentlich die Europäer? Gott ist es nicht mehr, die Freiheit auch nicht. Bleiben wirklich nur noch Narzissmus und Opportunismus? Bush hat eine klare Vorstellung, wie er die Welt gestalten will. Man mag diese Vorstellung teilen oder nicht. Aber es ist wenigstens eine Vision. Europa hat keine Vision, zumindest hat sie noch niemand klar formuliert.
Eine europäische Identität, die sich lediglich als Gegenentwurf zu den USA versteht, trägt nicht weit. Beschwichtigung reicht nicht aus als ergänzendes Substrat zu einer Außenpolitik, die sich vor allem als Wirtschaftspolitik versteht.
Bush hat in Brüssel erklärt, er wünsche sich die EU als einen starken Partner. Damit hat er die in außenpolitischer und militärischer Hinsicht pubertierenden Europäer ausdrücklich als Erwachsene anerkannt. Es wird Zeit, dass sich die EU auch wie ein Erwachsener benimmt. Dazu gehört, dass man gegebenenfalls auch überzeugt "Nein" zu den USA sagt, aber nicht justament. Ein Zeichen der Reife wäre es, den demokratischen Prozess im Irak tatkräftiger als bisher zu unterstützen, auch wenn man den Krieg für falsch gehalten hat. Unverfänglicher noch ist es, Bushs Angebot anzunehmen und im israelisch-palästinensischen Friedensprozess an einem Strang zu ziehen.

Die Nagelprobe könnte der rhetorisch erneuerten europäisch-amerikanischen Partnerschaft jedoch bald anderswo aufgezwungen werden: Im Iran, wenn sich das dortige Regime nicht an die Vereinbarung mit der EU hält und munter an seiner Atombombe weiterbastelt. Die USA rechnen schon jetzt damit. Wird Europa dann auf ihrer Seite sein?

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