WirtschaftsBlatt Kommentar vom 23.2.2005: Sogar die SPÖ entdeckt die Kleinbetriebe - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Zu den freudigen Ereignissen der bevorstehenden Wirtschaftskammerwahl gehört die Entdeckung der kleinen und mittleren Unternehmen, kurz KMU genannt. Nun ist "Entdeckung" vielleicht ein unfairer Ausdruck. Gerade die Kammer hat sich immer um die Gewerbetreibenden gekümmert. Aber so eine grosse Institution mit vielen Pflichtmitgliedern hat auch Grosse zu bedienen, und dann tritt ein, womit eine Interessensorganisation fast immer rechnen muss:
Beide Seiten fühlen sich übervorteilt. Einer der plakativen Gegensatzpaare: "KMU haben nichts von der jüngsten Senkung der Körperschaftssteuer" versus "Die Industrie zahlt hohe Kammerbeiträge, von denen nur die Kleinen profitieren".
Solche Klassiker sind in Vorwahlzeiten, wo es um Stimmenkontingente geht, Selbstläufer. Auf Nebengeleisen aber sind geradezu sensationelle Richtungsänderungen zu beobachten. Der Nationalratsabgeordnete Christoph Matznetter, eine Art Wirtschafts-Guru der SPÖ, kündigte im gestrigen WirtschaftsBlatt-Interview eine bewusste Hinwendung seiner Partei zu den KMU an. Ob das von Dauer sein wird, muss Matznetter erst beweisen, gewiss aber stimmt seine Aussage, dass die SPÖ in den vergangenen Jahrzehnten "die Wirtschaft oft nur in den grossen Industriebetrieben" wahrgenommen habe. Dort waren ihre Stammwähler zu finden, dort gab es eine klassische, wenn auch schwindende Arbeiterschicht. Und dort standen praktischerweise - das sagt Matznetter ganz offen - Zentralbetriebsräte bereit. Von Ex-Bundeskanzler Bruno Kreiskys Lehrsätzen über die Arbeitsplatzsicherung (für die die Österreicher noch heute zahlen) bis zu Matznetters Erkenntnis, dass die Klein- und Mittelbetriebe die meisten Arbeitsplätze sichern und vor einer Abwanderung nach Osteuropa oder China bewahrt werden müssten, war es ein weiter Bildungsweg.
Die KMU dürfen sich somit grosskoalitionärer Anteilnahme erfreuen. Nichts geschieht ganz selbstlos, denn die SPÖ hat eine Wählerschicht im Auge, die ihr genau wegen ihrer Industriehörigkeit abtrünnig geworden ist und in Gestalt des "kleinen Mannes von der Strasse" in Jörg Haiders Wählermassen auftauchte. Aber bei der FPÖ ist mittlerweile wenig zu holen, schon gar nicht die einstige Wirtschaftskompetenz der Liberalen, die viele Yuppies auf freiheitliche Karrierewege lockte.
Die Wahrheit geht zwar manchmal Zeit raubende Wege, aber irgendwann kommt sie doch dort an, wo sie hingehört: bei der praktischen Vernunft.

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