Gesundheitsvorsorge ist, wenn der Arzt zum Patienten kommt

ExpertInnengespräch zeigt klaren Handlungsbedarf bei der Gesundheitsvorsorge von Randgruppen

Wien (OTS) - Eine Million Menschen in Österreich sind von Armut bedroht. 400.000 leben in Armut. Menschen aus sozialen Randgruppen, darunter vor allem Wohnungslose, leiden häufig unter Mehrfacherkrankungen und chronischen Krankheiten. Gleichzeitig steigt die Hemmung, ÄrztInnen oder Spital aufzusuchen.

Um eine wirksame Gesundheitsvorsorge bei Randgruppen zu erreichen, bedarf es mehr Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen. Darin waren sich die Fachleute auf dem Podium ebenso einig wie die ExpertInnen im Auditorium. Der von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnunglosenhilfe (BAWO), Wiener Hilfswerk, dem Frauengesundheitszentrum F.E.M., dem Männergesundheitszentrum M.E.N. und neunerHAUS gemeinsam initiierte Diskurs ließ Iststand, Bedarf und konkrete Projekte deutlich werden.

Dennis Beck vom Fonds Gesundes Österreich: "Gesundheit ist vom Sozialbereich nicht zu trennen." Karin Gutièrrez-Lobos, Leiterin der Psychiatrie-Ambulanz am AKH Wien verweist auf Vorraussagen, dass bis 2020 eine starke Zunahme von psychischen Erkrankungen zu erwarten ist. "Bereits heute haben wir eine enorme Steigerung von Berufsunfähigkeit durch psychische Erkrankungen. Ein vernetzter und niederschwelliger Zugang ist notwendig." "Wir können nicht in unseren Einrichtungen warten, ein Umdenken ist gefragt. Wir müssen hinaus gehen, in Parks, in Moscheen, in psychosoziale Einrichtungen", konkretisiert Daniela Kern, Leiterin der Beratungseinrichtung F.E.M. an der Wiener Semmelweis Klinik und ergänzt: "Im Prinzip brauchen wir One-Stop-Shops, wo unterschiedliche Bedürfnisse - von der Gesundheitsvorsorge über Sozialberatung bis zur Psychotherapie - der uns aufsuchenden Frauen erfüllt werden."

Markus Reiter, Geschäftsführer der Wohnungsloseneinrichtung neunerHAUS, weiß aus der Praxis, dass Handlungsbedarf besteht - und kann mit einem konkreten Projekt aufwarten: "Eine zielgruppengerechte und bedürfnisorientierte Gesundheitsversorgung muss Wohnungslosen entgegen kommen und in einer interdisziplinären Kooperation von Medizin, Sozialarbeit, Pflege und Therapie einem ganzheitlichen und nachsorgenden Betreuungsansatz folgen. Mit dem Projekt "neunerPRAXIS" in Wien soll nun auch in Österreich damit begonnen werden, die Lücke einer nachsorgenden und präventiven medizinischen Versorgung zu füllen. Das würde nicht nur Leid verhindern, sondern auch im Gesundheitssystem Kosten sparen helfen. "Ziel soll es auch weiterhin bleiben, die betroffenen Menschen zu befähigen, wieder an das reguläre Gesundheitssystem anzuknüpfen." Die Finanzierung des ausgereiften und allseits begrüßten Projekts sei allerdings noch nicht sichergestellt, bedauert Reiter.

Auch Maria Rauch-Kallat fordert auf, "aktiv auf diese Zielgruppen zu zu gehen". Die Bundesministerin hat seit 2003 die Zahl der nicht krankenversicherten Menschen in Österreich per Verordnung von 203.000 auf schätzungsweise rund 50.000 gesenkt. Aber es gäbe noch immer viel zu tun, so die Gesundheitsministerin.

Beate Wimmer-Puchinger, Wiener Frauengesundheitsbeauftragte, spezifisiert die Betroffenen: "Armut ist weiblich, das ist kein leerer Sager. In Österreich trifft es laut aktuellem Sozialbericht vor allem alleinerziehende Mütter und Frauen über 60." Claudia Habl zitiert nicht nur aus aktuellen Studien des ÖBIG, sie bedient sich einer veranschaulichenden Metapher: "Ein Arzt steht am Fluss und rettet einen Ertrinkenden, wiederbelebt ihn. Da sieht er den nächsten ertrinken, retten ihn ebenfalls. Und schon zieht er den dritten heraus. Er hat nicht die Zeit, vor der Flussbiegung nach zu sehen, warum da eigentlich dauernd Menschen in den Fluss fallen."
Stefan Ohmacht, Geschäftsführer der BAWO fasst zusammen: "Der Bedarf niederschwelliger Einrichtungen ist vor allem für Wohnungslose und Frauen belegt und sichtbar, der Wille zu Veränderungen im Gesundheits- und Sozialbereich auch. Vernetzungen sind erste sinnvolle Schritte. Hoffen wir, dass Projekte wie die neunerPRAXIS bald umgesetzt werden."

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