DER STANDARD-Kommentar "Bereit für das asiatische Zeitalter" von Eric Frey

Chinas und Indiens wirtschaftlicher Aufstieg setzt Europa unter Druck - zum Glück - Ausgabe vom 22.2.2005

Wien (OTS) - Bundespräsident Heinz Fischer erlebt in Indien ein Land, das kurz vor dem Sprung zur wirtschaftlichen Großmacht steht. China hat dies bereits geschafft: Seine industrielle Dynamik ist der stärkste Motor der Weltwirtschaft, und sein Hunger nach Ressourcen treibt die Rohstoffpreise in die Höhe - vom Öl bis zum Kupfer. China ist bereits der weltgrößte Verbraucher von Stahl, Kohle und Zement, und ein Ende seiner phänomenalen Wachstumsraten ist nicht in Sicht.

Der Aufstieg Chinas ist das wichtigste wirtschaftliche Ereignis des vergangenen Jahrzehnts - langfristig bedeutender als die Ausbreitung des Internets oder das Platzen der Technologieblase an den Börsen. Wenn Indien seinen liberalen Reformkurs, der einst vom heutigen Premier Manmohan Singh eingeleitet worden ist, fortsetzt, dann wird sich der Schwerpunkt der Weltwirtschaft weiter nach Asien verlagern. Die Zeiten, in denen nur die USA, Europa und Japan wirklich zählten, sind vorbei.

Es gibt kaum einen Flecken der Welt, der von diesem Megatrend nicht betroffen ist. Wenn nach dem Auslaufen der Textilquoten immer mehr Kleidungsproduzenten nach China abwandern, dann trifft das Arbeiter bis ins hinterste Tal in Mexiko, der Türkei, der Lombardei oder im Waldviertel. Wenn chinesische Konzerne dank billiger Lohnkosten und nachgeahmter Technologien in immer mehr Märkte für hochwertige Industriegüter vorstoßen, dann bekommen das auch jene mittelständischen Unternehmen zu spüren, die China anfangs nur als Hoffnungsmarkt betrachteten.

Wenn China und Indien die Rohstoffpreise hinauftreiben, dann steigt in aller Welt die Inflation. Und wenn die rapide Industrialisierung in diesen Staaten zu einem massiven Anstieg von Treibhausgasen führt, dann macht das die Bemühungen der Europäer zunichte, mit dem Kioto-Protokoll die Erderwärmung zu stoppen. Für den Klimaschutz sind diese Schwellenländer inzwischen ein ähnlich großes Problem wie der Umweltsünder USA.

In Zukunft wird man auch damit rechnen müssen, dass die Börsenkurse an der Wall Street, in London oder in Wien in den Keller rasseln, wenn irgendwo in China politische Unruhen ausbrechen. Das Riesenland ist seit der Niederschlagung der Demokratiebewegung vor 16 Jahren zwar ruhig, aber die Alleinherrschaft der KP ist kein Garant für anhaltende Stabilität.

All das ist weder ein Grund zum Fürchten noch zum Jammern. Im Gegenteil - der wirtschaftliche Aufbruch in China und Indien ist das Beste, was der Welt passieren konnte. Hunderte Millionen von Menschen können in diesen Ländern der Armut entkommen und genießen die ersten Früchte eines Mittelstandslebens. Die Rohstoff produzierenden Länder in Afrika und Lateinamerika profitieren von der wachsenden Nachfrage aus Asien. Und auch in den USA und Europa verdanken hunderttausende Arbeitnehmer direkt oder indirekt ihre Arbeitsplätze dem chinesischen Wirtschaftswunder.

Anders als im Sport bedeutet in der Weltwirtschaft der Sieg des einen nicht automatisch die Niederlage des anderen. Natürlich werden europäische Unternehmen Marktanteile an die neue Konkurrenz verlieren; und manche werden daran scheitern. Aber gleichzeitig wächst der Weltmarkt rasant - und damit auch die Chancen für jene Unternehmer, die diese Herausforderung annehmen und sich rechtzeitig umstellen.

Vor einer ähnlichen Aufgabe steht die europäische Politik. Als mittlerer Spieler in der Weltwirtschaft ist die EU noch weit stärker gefordert, all jene Hausaufgaben zu erledigen, die sie sich 1994 in den Lissabon-Zielen selbst gesetzt hat. Es geht schon lange nicht mehr darum, die USA als wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum zu überflügeln. Dieses Ziel war immer schon falsch gewählt, denn Europa steht in keinem Wettkampf - weder mit Amerika noch mit China oder Indien. Aber nur mit intelligenten Wirtschaftsreformen werden Europas Bürger vom neuen asiatischen Zeitalter profitieren können.

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