WirtschaftsBlatt Kommentar vom 22.1.2005: Nur Marketing kann die EU noch retten - von Peter Muzik

Wien (OTS) - Jacques Chirac hat das Ja der Spanier zur Euro-päischen Verfassung als "starkes Symbol" bezeichnet. Das spanische Volk habe "den anderen Ländern, die in den kommenden Monaten diesen Vertrag ratifizieren werden, den Weg gezeigt". Der spanische Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero setzte den pompösen Sager drauf: "Das ist ein historischer Moment: Wir Spanier haben europäische Geschichte geschrieben."
Leider steht zu befürchten, dass den beiden Präsidenten im Trubel der Ereignisse eine blamable Fehleinschätzung unterlaufen sein könnte:
Die erste von neun geplanten Abstimmungen bietet nämlich wenig Anlass, um die Europäische Union in einen wilden Freudentaumel zu versetzen. Zwar kann sich die überwältigende Mehrheit von 76,7 Prozent der spanischen Wähler, die beim sonntägigen Referendum dafür gestimmt haben, sehen lassen, die Wahlbeteiligung von nicht einmal 43 Prozent war jedoch, gelinde gesagt, eine herbe Enttäuschung.
Eines zeichnet sich jedenfalls deutlich ab: Bei den acht noch ausständigen Abstimmungen wird es, insbesondere in EU-skeptischen Ländern wie Gross-britannien oder Dänemark, mit Sicherheit zu spannenden Zitterpartien kommen, ob die EU-Verfassung von den jeweiligen EU-Bürgern mehrheitlich positiv aufgenommen wird oder nicht.
Übrigens ist es auch in Frankreich durchaus denkbar, dass Monsieur Chirac von seinen Landsleuten Mitte des Jahres einen Denkzettel erhält - wobei ein Nein der Franzosen ein beinharter Rückschlag für ganz Europa wäre.
Am europaweit breiten Desinteresse an der Union, das erst bei der EU-Wahl im Juni 2004 in Form einer allseits enttäuschend geringen Wahlbeteiligung manifest wurde, sollte sich so rasch nichts ändern:
Das vereinte Europa wird so lange auf unsicheren Beinen stehen, die Bürger also nicht sonderlich beeindrucken, als die Zentrale in Brüssel vermeint, ohne ersichtliches und - was noch wichtiger wäre -konsequentes Marketing auskommen zu können. Die EU-Bürokratie hat’s offenbar noch immer nicht verstanden, dass es zu wenig ist, sich bloss selbst zu inszenieren, sondern dass es mindestens ebenso wichtig wäre, die eigenen Aktivi-täten auch nach allen Regeln der Kunst zu vermarkten. Die 455 Millionen EU-Bürger müssten also regelmässig darüber informiert werden, was so alles auf sie zukommt, etwa mit der Verfassung - nur dann werden sie gerne darüber abstimmen.

Rückfragen & Kontakt:

Redaktion WirtschaftsBlatt
Tel.: (01) 60 117/279
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001