"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Arbeit hoch - aber leider kommt keiner an die Jobs heran" (von Hellfried Semler)

Ausgabe vom 16.02.2005

Graz (OTS) - Das Heer der Arbeitslosen wächst. 316.000 Frauen und Männer stehen Schlange vor den Schaltern des Arbeitsmarktservice, 50.000 weitere suchen ebefalls Arbeit, sind aber gerade in diversen Kursen untergebracht. Mehr als 360.000 Jobsuchende insgesamt, das sind ungefähr so viele Menschen, wie Graz und Klagenfurt zusammen an Einwohnern ausweisen.

Gegen diese Horrorzahlen muss etwas unternommen werden, darüber sind sich ausnahmsweise Regierung, Opposition, Gewerkschaft, Arbeiterkammer, Wirschaftskammer und die Unternehmer einig. Damit sind die Gemeinsamkeiten auch schon erschöpft.

Jeder der Politiker und Funktionäre, die sich gestern mit Wirtschaftsminister Martin Bartenstein zum Arbeitsmarktgipfel trafen, hat seine ureigenen Vorstellungen präsentiert. Von einem Konsens war die Diskussionsrunde so weit entfernt wie der Großglockner von der Adria.

Als zentrales Thema wurde über die Vorteile flexibler Arbeitszeiten umfassend debattiert. Für die Industrie ist das Argument einleuchtend: Teure Überstunden fallen weg, die Kosten werden gesenkt und damit die bestehenden Arbeitsplätze abgesichert.

Stellt man die Produktionskosten in den Mittelpunkt, stimmt die These zweifellos. Die Unternehmen werden konkurrenzfähiger, das nützt dem Geschäft. Es ist dann leichter, Aufträge an Land zu ziehen.

Geht es um die Schaffung neuer Arbeitsplätze, wird die Argumentation zum Etikettenschwindel. Länger arbeiten ohne Zuschläge heißt die Übersetzung. Wozu sollen die Betriebe neue Mitarbeiter aufnehmen, wenn mit dem bisherigen Bestand die gleiche Arbeit billiger bewerkstelligt werden kann? Niedrigere Kosten sind kein Anreiz, neue Mitarbeiter aufzunehmen, die dann die Aufwändungen für das Personal erhöhen.

Führt man diesen Gedankengang weiter, müsste man paradoxerweise zur Erkenntnis gelangen, die Überstundenzuschläge deutlich zu erhöhen, vielleicht auf das Doppelte, Dreifache. Damit setzt man für Unternehmen Anreize, neue Mitarbeiter einzustellen. Für Außenstehende scheit die Lösung einfach: Mehr Freiheit bei den Arbeitszeiten gegen die Garantie zur Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Der Arbeitsmarktgipfel schloss ohne greifbares Ergebnis. Die Teilnehmer haben ihre Forderungen deponiert, jeder hat sein Revier verteidigt. Und so warten die Menschentrauben im Arbeitsmarktservice weiter darauf, dass die Zeiten besser werden. Nur Zyniker sagen, Arbeitslose hätten eh genug Zeit. ****

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