- 11.02.2005, 18:16:15
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DER STANDARD-Kommentar "In einem halben Tag geht es nicht" von Lisa Nimmervoll
Schule und Reformdialog brauchen mehr Zeit, um ihre Aufgaben erfüllen zu können - Ausgabe vom 12./13.2.2005
Wien (OTS) - Ein Halbtagsreformgipfel über die desolate
Halbtagsschule: Was für die Schüler das Beste sein soll, muss doch
auch für die Politiker gut genug sein, scheint das Motto des am
Montag stattfindenden "Reformdialog Bildung" zu sein. Jedem der 70
Teilnehmer bleiben eindreiviertel Minuten Dialogzeit zur Erklärung
der bildungspolitischen Thesen. Zu Mittag ist die Chose, wie in der
bei uns dominierenden Halbtagsschule, vorbei.
Damit zeigt sich, was der Reformdialog im imperialen Rahmen der
Hofburg in erster Linie werden wird: ein medienaffines Spektakel,
eine Beruhigungspille für die Öffentlichkeit, um den Aufruhr nach dem
mittelmäßigen Abschneiden bei der Pisa-Studie durch die Simulation
von Reformwillen etwas zu beruhigen. Höchstens ein Prolog zur
Schulreform, für die ein halber Tag sicher nicht reicht.
Dies auch deswegen, weil in der Hofburg-Runde die üblichen
Verdächtigen sitzen, aber wichtige, unabhängige Experten fehlen.
Schön und gut, dass alle Minister und die parteipolitisch nominierten
Landesschulratspräsidenten anwesend sind. Aber wem Sprachdefizite von
Migrantenkindern wirklich ein pädagogisches Anliegen sind, der täte
gut daran, auch Migrationsexperten einzuladen. Man hat es
unterlassen.
Eine andere Gruppe fehlt ebenfalls auf der Gästeliste:
Kindergartenpädagoginnen. Wer das Schulsystem reformieren will,
sollte zur Kenntnis nehmen, dass die Kinder nicht wie vom Himmel in
die Volksschule fallen, sondern schon vor dem Schuleintritt lernende
Wesen sind, die nicht nur "betreut" werden wollen. Der Kindergarten
wird von der Politik noch immer als sozialpolitische, lernfreie Zone
und nicht als erste Bildungsinstitution behandelt.
Neben dem politischen Geplänkel zwischen den Parteien zeichnet sich
- das haben die Reaktionen in den letzten Wochen deutlich gemacht -
eine besonders schwierige, wenn auch altbekannte Widerstandsfront ab.
Die Lehrer, genauer die Lehrergewerkschaften, die sich mehr als
Schulpolitiker gerieren, denn als Standesvertreter.
Bis jetzt haben sich deren Spitzenvertreter durch Wortspenden
ausgezeichnet, die sich auf ein Wort reduzieren lassen: Nein.
Bildungsministerin Elisabeth Gehrer kündigt die generelle
Fünftagesschulwoche für Pflichtschulen und ein flächendeckendes
Ganztagsbetreuungsangebot an - was eine erhöhte Anwesenheit der
Pädagogen unter der Woche bedeuten würde. Gehrers Ansinnen wurde
abschlägig beschieden.
Gehrer will verpflichtende Lehrerfortbildung. Die Lehrergewerkschaft
will sie nicht. Mehrere Umfragen zeigen, dass es in der Bevölkerung
den Wunsch nach späterer Trennung der Kinder in Hauptschulen und
Gymnasien gibt - nicht wie jetzt schon mit zehn. Was sagen die
AHS-Lehrergewerkschafter (in der Frage auf einer Linie mit der ÖVP)?
Gesamtschule, nicht mit uns. "Unsere" Schüler haben ja gut
abgeschnitten bei Pisa.
Schön für sie. Und die Hauptschulen sind extraterrestrische
Lerngebiete, über die sich die AHS-Pädagogen den Kopf nicht
zerbrechen wollen?! Das kann es ja wohl nicht sein, dass ein
Bildungssystem, das ohnehin stark segregiert ist und große Teile der
Schüler "verliert", indem es ihnen nur Leistungen ermöglicht, die
weit unter dem sind, was potenziell möglich wäre, auf alle Ewigkeiten
unangetastet bleibt und so ungleiche, ungerechte Chancen reproduziert
- nur weil einige Gymnasialprofessoren ihre Schäfchen im Trockenen
glauben.
Allerdings stellt sich ohnehin die Frage, inwieweit die Frontfiguren
der Lehrergewerkschaft noch Kontakt zur Basis haben. Denn die
Christliche Lehrerschaft Wiens sieht in der Gesamtschule sehr wohl
einen Weg, das Verschieben der Zehnjährigen in "die falsche Schule"
zu vermeiden.
Kinder sitzen dann in der "richtigen Schule", wenn sie individuell
gefördert werden. Das muss die neue Schule leisten - durch innere
Differenzierung, nicht horizontale wie jetzt. Das erfordert Lehrer,
die mit den Ungleichheiten der Kinder umgehen können, anstatt sie zu
delegieren.
OTS0222 2005-02-11/18:16
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