"Die Presse" Leitartikel: "Ge-denken,nicht Ge-beschuldigen

Ausgabe vom 12.2.2005

Wien (OTS) - In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 zerstörten alliierte Bomberverbände in drei Anflügen Dresden. Ganz planmäßig, mit dem Ziel größtmöglicher Verluste der Zivilbevölkerung. Das Gedenken daran ist bis heute problematisch geblieben. Behindert von all jenen, die glauben, damit eingelernte Opfer-Täter-Postulate revidieren oder zementieren zu müssen. Wer war der eigentliche Kriegsverbrecher - "der Deutsche" oder "der Brite"? Eine sinnleere Frage, die nur noch für die letzten Anhänger eines nutzlosen nationalistischen Ehrbegriffes relevant ist. Und die regelmäßig zu immer demselben lächerlichen Ritual verleitet: "Bomben-Holocaust" heißt es dann in trotzig hingeworfener Provokation auf der einen Seite, "Revisionismus" lautet die unweigerliche Gegenstrophe.
Dabei lässt sich Dresden doch gar nicht etwa gegen Auschwitz aufrechnen. Beides eklatante Fälle von Menschenverachtung - aber Dresden war ein Mittel, die Judenvernichtung ein Zweck. Für die Wertung des Holocaust ist es völlig unerheblich, ob das Bombardement Dresdens ein Kriegsverbrechen war oder nicht. An der singulären Scheußlichkeit des Holocaust als eines perfiden, sadistisch und gänzlich einseitig geführten Krieges, der die auch als Gruppe schuld-und wehrlosen Juden nicht besiegen, sondern auslöschen sollte, ändert Dresden kein Jota. Und Dresden ändert auch nichts daran, dass das Böse in London oder Washington (wie überall, wo man Krieg führt) zwar bisweilen Gastrecht erhalten hat, aber im Nazi-Regime ein Zuhause hatte. Das kapieren jene nicht, die in Dresden vom "Bomben-Holocaust" reden. Genauso wenig aber auch jene, die jegliche Beschäftigung mit alliierten Untaten als "Nazi-Reinwaschung" verhindern wollen.
Die Verweigerung einer differenzierten Sicht jenseits von Entweder-Oder sorgt in jedem 5er-Jahr für Gedenken-Krampf. Auch bei uns, mit Unsinn wie: Trägt Österreich Mitschuld - oder war Österreich ein Opfer? Wurde Österreich 1945 befreit - oder erst 1955? Nicht die Beschäftigung mit der Geschichte, aber die Fragestellung ist hier falsch - weil eine Entscheidung verlangt wird, wo keine getroffen werden kann und muss. Österreich wurde natürlich 1945 und 1955 befreit - nur eben von verschiedenen Fremdherrschaften, die auch verschieden gewütet haben. Und natürlich wurde Österreich 1938 vergewaltigt, aber natürlich tragen auch die Österreicher Mitverantwortung für das, was danach geschah. Und somit auch der Staat, den sie sich 1945 wieder gegeben haben.
Sicher: Die Frage nach dem, was gut und was böse ist, darf nicht einem billigen Relativieren Platz machen. Wenn es einen Unterschied zwischen gut und böse gibt, so ist er es wert, herausgefunden zu werden. Aber angesichts der mannigfaltigen Ausformungen des Bösen, das außerdem wirklich beinahe -immer und überall- ist, lassen sich keine aussagekräftigen Rangordnungen oder Nettobilanzen der Dämonie aufstellen. Und so wichtig es auch ist, nicht mit zweierlei Maß zu rechnen, so unvernünftig ist die Haltung, dass - entweder alle Verbrechen gerichtet werden sollen - oder eben keine. Das ist die selbstgerechte Verdrehung von "Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein". Jedes Böse ist immer einzigartig. Insofern ist auch die Frage unnütz, ob Nazideutschland oder der Stalinismus die größere Geisel der Menschheit war. Müssen wir uns denn entscheiden? Liegt nicht genau in dem Umstand, dass wir beides ungestraft ablehnen können, der eigentliche Fortschritt gegenüber der Vergangenheit?

Souveräne Geister verwerfen nationale Schuld-Schablonen. Sie haben begriffen, dass nicht Völker handeln, sondern Menschen. Sie müssen nicht aufrechnen, vergleichen und vergelten. Es reicht ihnen, zu verstehen. Wie die Menschen aus dem von der Deutschen Luftwaffe niedergebombten Coventry: Die haben den Dresdnern nun ein goldenes Turmkreuz für ihre wieder errichtete Frauenkirche gestiftet.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001