"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Kranker Papst, leidende Kirche" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 12.02.2004

Wien (OTS) - Gebannt blickt die katholische Welt derzeit nach Rom. Tagelang haben die Ärzte des Gemelli-Krankenhauses um das Leben des 84-jährigen Papstes gekämpft, und mit seiner Rückkehr in den Vatikan sind die Sorgen längst nicht behoben. Die Möglichkeit eines Rücktritts steht im Raum, für die Zukunft der Kirche ist das aber nicht entscheidend.
Entgegen der Meinung italienischer Kommentatoren wackeln auch nicht die Grundfesten des Vatikans. Erstens hat es schon einmal einen Papst-Rücktritt gegeben, nämlich jenen von Coelestin V. im Jahr 1294. Zweitens hat die Kirche in ihrer zweitausendjährigen Geschichte schon viel mehr überstanden als ein sieches Oberhaupt: 38 Gegenpäpste, unrechtmäßige Wahlen und gewaltsame Absetzungen, Intrigen, Inquisition und Verbrechen.
Das eigentliche Problem liegt tiefer. Die Kirche hat derzeit auf viele drängende Fragen unserer Zeit - von der Empfängnisverhütung bis zur Homosexualität, vom Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen bis zum Zölibat - keine schlüssigen Antworten. Das schmerzt, weil gleichzeitig immer mehr Menschen auf der Suche nach Orientierungshilfen sind.
Mehr als 50.000 Kirchenaustritte im vergangenen Jahr sind einerseits ein Alarmsignal, andererseits auch ein Zeichen des Aufbruchs. Sexskandale in Priesterseminaren, Fehlbesetzungen von Bischofsstühlen, das bewusste Ignorieren der Meinung des Kirchenvolks - das alles wird nicht mehr achselzuckend und resignierend hingenommen.
Schuld an den Problemen ist nicht allein der Papst. Johannes Paul II. ist zwar schon allein wegen seiner langen Amtszeit von mehr als 26 Jahren und wegen seines charismatischen Auftretens zur Symbolfigur geworden. Aber regiert wird die Kirche nicht erst seit seiner schweren Erkrankung von der vatikanischen Bürokratie: Von Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano, der als Regierungschef der mächtigste Mann im Vatikan ist; und von den mit Ministerien vergleichbaren Bischofskongregationen - allen voran die Glaubenskongregation unter Kardinal Joseph Ratzinger, der gleichzeitig auch Dekan des Kardinalskollegiums ist.
Diese Bürokraten regieren die katholische Kirche mit ihren 183 Kardinälen, fast 5000 Bischöfen, zigtausend Priestern und einer Milliarde Mitgliedern. Ihnen ist es zuzuschreiben, dass Bischof Krenn in St. Pölten so lange die Gläubigen vor den Kopf stoßen und homosexuelle Aktivitäten im Priesterseminar decken konnte. Ihre Aufgabe wäre es auch, dem Papst aus den Dreiervorschlägen des Klerus zur Nachbesetzung von Bischof Küng in Feldkirch den ihrer Meinung nach Bestgeeigneten vorzuschlagen. Ernannt werden müsste er freilich von Johannes Paul II., und ob dieser dazu noch die Kraft hat, ist fraglich.
Damit schließt sich der Kreis. Was noch im vorigen Jahrhundert von den Gläubigen widerstandslos akzeptiert wurde, ist heute ein Ärgernis. Von der Kirche erwartet man Orientierung, aber in zunehmendem Maße auch Dialog. Das ist das wahre Dilemma der Kirche, um dessen Lösung sich der nächste Papst bemühen wird müssen. Johannes Paul II. kann dazu schon aus gesundheitlichen Gründen keinen Beitrag mehr leisten.
Das Tagesgeschäft läuft weiter, mehr schlecht als recht und nicht zuletzt unter dem Aspekt, dass auch Kardinäle nur Menschen sind: Im Vatikan ist der Kampf um die Nachfolge des Papstes in vollem Gange. Von Aufbruchstimmung ist schon lange nichts zu spüren.
Ein Trost bleibt: Auch die Kirche ist wandlungsfähig, das hat zuletzt "Übergangspapst" Johannes XXIII. bewiesen. Er ist 1958 im Alter von 77 Jahren an die Macht gekommen, hat nur fünf Jahre regiert, aber mit der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils im Jahr 1962 viele Weichen neu gestellt. Auf ein solches Signal warten heute viele, die voll Besorgnis den gesundheitlichen Verfall von Johannes Paul II. verfolgen.

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