DER STANDARD-Kommentar "Hauptsache verkauft!" von Luise Ungerboeck

"Siemens schnupft VA Tech: Nun kann die Marktbereinigung beginnen" vom 11.2.2005

Wien (OTS) - Welcher Teufel die Verstaatlichtenholding ÖIAG geritten hat, als sie sich im November entschloss, ihr Aktienpaket am Anlagenbaukonzern VA Tech dem Siemens-Konzern anzudienen, werden vermutlich die Wirtschaftshistoriker klären müssen. Logisch erklär-oder gar nachvollziehbar war die Entscheidung nämlich nicht, stellte sie doch exakt das dar, was nicht einmal acht Wochen zuvor als undenkbar bezeichnet wurde.

Damals hatte ÖIAG-Vorstandssprecher Peter Michaelis wortreich erklärt, warum ein Verkauf der wertvollen VA Tech an Siemens nie und nimmer denkbar sei, so wertvoll und wichtig sei der schwer ins Trudeln gekommene Industrietanker.

Aufgrund der heftigen Abwehrreaktionen seitens der gesamten Bundesregierung konnte man gar den Eindruck gewinnen, Siemens und der mit ihr verbündete VA-Tech-Großaktionär Mirko Kovats seien des Teufels, dem man die "Industrieperle" VA Tech keinesfalls überlassen dürfe.

Zwei Monate später hinderte die Regierung - und damit die ÖIAG -niemand daran, klüger geworden zu sein, wie Konrad Adenauer irrationale Meinungsschwenks gern rechtfertigte. Der Elektromulti Siemens, diesmal allein als Käufer, wurde zum Retter hochstilisiert, sodass die ÖIAG-Staatsmanager ihre 2,25 Millionen VA-Tech-Aktien am liebsten sofort unter dem aktuellen Börsenkurs verkaufen wollten.

Wie gut oder wie schlecht die Übernahme der VA Tech durch ihren übermächtigen Erzrivalen Siemens für das Unternehmen, die 17.000 Beschäftigten, den Wirtschaftsstandort und letztlich den Markt und die Kunden tatsächlich ist, lässt sich derzeit noch nicht im Detail abschätzen. Fest steht aber, dass die ÖIAG sehr großzügig war. Nicht nur, was ihre kaufmännischen Pflichten, sondern auch, was ihre industriepolitische Rolle betrifft, die ihr kraft ÖIAG-Gesetzes zukommt.

Letzteres hat zur Folge, dass ein zwar zuletzt miserabel geführter, aber immerhin global agierender Konzern von der Bildfläche verschwindet. Wo jetzt VA Tech draufsteht, ist künftig Siemens drin. Es ist eine Illusion zu glauben, dass wichtige Unternehmensteile unter dem Siemens-Dach bestehen bleiben.

Zu groß sind die Überschneidungen der beiden Energietechnikkonzerne, zu unterschiedlich ihre Kulturen. Hie die hersteller- und technologie-unabhängig agierende VA Tech, dort das weltweite Siemens-Imperium, das seine unter großem Kapitalaufwand entwickelten Technologien und Systeme logischerweise überall in der Welt einbauen will.

Die viel zitierten Synergien zwischen den beiden lassen sich natürlich nur heben, wenn auch die VA Tech Siemens- Produkte einsetzt. Womit wir beim eigentlichen Motiv für den Deal sind, die Marktbereinigung. Sie müsste bei Energieversorgern und Telekomnetzbetreibern schlechte Erinnerungen an die unsäglichen Anbieterkartelle der sechziger, siebziger und achtziger Jahre wecken.

Dass bei Siemens-VA Tech in den nächsten Jahren ein paar tausend Arbeitsplätze wegrationalisiert werden, liegt auf der Hand. Unklar ist nur, wer mehr Federn lassen muss: die aufgrund jahrelanger Krisen sparpaketerprobten VA-Tech- Leute oder doch die deutlich besser verdienenden Siemensianer, auf deren Lohn- und Gehaltszettel sie stets neidvoll geblickt haben?

Dagegen ist die kaufmännische Nachsicht, die der ÖIAG zu Teil wird, ein Klacks. Denn zwar haben die Fonds bei Siemens eine deutliche Aufbesserung auf 65 Euro herausgepresst (was der ÖIAG und damit dem Steuerzahler zugute kommt). Eine Verluste schreibende, aber (jetzt hoffentlich wirklich) sanierte Firma zu verkaufen, bevor sie die (dank voller Auftragsbücher) kalkulierbaren Gewinne einfährt, wie die ÖIAG das tut, - da gehört ein gerüttelt Maß an Unverfrorenheit dazu. Ein guter Kaufmann würde das wohl nicht tun, sofern er sich nicht in einer Notlage befindet. Profitable Firmen verklopfen, koste es was es wolle, das ist der rote Faden in der schwarz-blauen Industriepolitik.

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